Von Michael Mönninger

Den Elektro-Ingenieur Heinz Küber, 52, kann man mit Technik kaum beeindrucken. Doch der Spezialist für Meßgeräte kommt heute aus dem Staunen nicht heraus. Frühmorgens um 6.30 Uhr rollen zwei Sattelschlepper auf seinen Bauplatz in Oberursel und laden ab: Zwanzig Wände, zehn Deckenplatten, Dachbalken, Ziegel, ein Treppenhaus und einen Schornstein – Kübers komplettes neues Fertighaus. Sieben Monteure verschrauben im fliegenden Wechsel die Wandtafeln auf dem Kellerfundament und ziehen bereits die Decke darüber.

Techniker Küber kann sich nicht einmal nützlich machen. Andere Fertighaus-Bauherren halten ihren "großen Tag" gleich mit Schmalfilm- oder Videokamera fest. Zwölf Stunden später steht auf Kübers Baugelände ein komplettes Einfamilienheim mit 160 Quadratmetern Wohnfläche. Der Innenausbau wird aber noch fünf Wochen beanspruchen.

Zwischen dem frischgebackenen Hausherrn Heinz Küber und einem gewissen Bruno Semmeling liegen Welten. Letzterer hatte 1972 in der TV-Serie "Einmal im Leben" ein simples Häuschen bauen wollen und sich vor lauter Ärger mit Handwerkern einen Nervenzusammenbruch eingehandelt. Semmelings Leidensgeschichte war der Fernsehnation derart in die Glieder gefahren, daß die Fertighaus-Industrie im gleichen Jahr ihren bislang größten Boom verzeichnen konnte.

Heinz Küber ist einer von voraussichtlich 20 000 Bundesbürgern, die 1985 ihr Eigenheim aus der Fabrik beziehen werden. Der Marktanteil der Fertighäuser liegt heute in der Bundesrepublik, wo bisher 250 000 dieser Bauten stehen, bei fünfzehn, in den USA und England bei fünfzig und in Schweden sogar bei neunzig Prozent. Dabei hatten gerade hierzulande prominente Architekten das genormte Haus von der Stange gefordert. Die Parole dazu gab 1922 der wortgewaltige Schweizer Le Corbusier aus: "Die Großindustrie muß sich des Bauens annehmen und die einzelnen Elemente serienmäßig herstellen." Mit Bauhaus-Entwürfen von Walter Gropius montierte der Stadtplaner Ernst May in Frankfurt schon 1925 ganze Siedlungen aus vorgefertigten Bimsbetonplatten. Und Gropius eröffnete 1947 in Los Angeles gar selber eine Fertighaus-Fabrik.

Heute dagegen kann man Architekten mit Fertighäusern nur mehr jagen. "Lieblose, schlechte Formen" beklagt der Präsident des "Bund Deutscher Architekten" (BDA), Wilhelm Kücker, und warnt: "Architektur darf nicht wie Autos oder Fernseher zum Konsumgut werden." Die deutsche Ziegelindustrie höhnte in Kampagnen sogar: "Baracke bleibt Baracke."

Solche Abwehr nimmt nicht Wunder, sieht doch der technische Leiter beim Hauptverband der Deutschen Bauindustrie, Armin Wolfram, die Häuserfabriken als "Todfeind der freischaffenden Architekten." BDA-Chef Kücker meint gar, Fertighäuser raubten dem Bauherrn seine "Identität". Als der Philosoph Ernst Bloch Architektur als "Produktionsversuch menschlicher Heimat" bezeichnete, hatte er wohl kaum an Serienproduktion gedacht.