Die SPD bringt die Grünen zum Schwur

Von Gerhard Spörl

Holger Börner hat den Grünen ein Angebot gemacht, das sie nicht ablehnen können. Die Pointe besteht darin, daß sie selber am allerwenigsten damit gerechnet haben. Sie waren es nämlich gewesen, die vor zwei Wochen auf wenig geschickte Weise darum gebeten hatten, mit der SPD bilden zu dürfen, wonach ihnen so lange nicht der Sinn gestanden hatte: eine Koalitionsregierung mit grünem Minister, ordentlich inthronisiert mit sämtlichen Insignien staatlicher Macht. Eine herbe Abfuhr haben sie darauf bekommen. Und nun plötzlich die förmliche Aufforderung, in die Wiesbadener Regierung Einzug zu halten. Da drängt sich Argwohn wie von selber auf. Wie kommt der Sinneswandel? Meint es der hessische Ministerpräsident etwa gar nicht ernst?

Allem Anschein nach meint Börner es ernst. Dafür spricht, daß niemand ihn in eine Koalition hineinzwingen kann. Zwar hängt seine Regierung seit einem halben Jahr in der Luft, weil die Grünen jenes gouvernementale Zwischending namens Tolerierungsbündnis im November aufgekündigt haben. Aber weder das Experiment noch dessen klägliches Scheitern haben Börners Reputation und den Nimbus seiner Partei in Hessen oder anderswo erkennbar geschadet. Der Überraschungseffekt traf deshalb auch die SPD, die sich an den Gedanken gewöhnt hatte, in Hessen allein und per Minderheit zu regieren.

Die Alternative zu einem Koalitionsangebot wäre gewesen, die Grünen in ihre Widersprüche hineinzutreiben und sie möglichst darin umkommen zu lassen. Die Aussichten dafür waren gut. Beispielsweise wären die Grünen ins Schleudern geraten, hätten sie den hessischen Haushalt 1985 abschlägig beschieden – Rote und Grüne hatten ihn ja gemeinsam vor Jahresfrist konzipiert und schon paraphiert. Statt der rohen findet nun die sanfte Gewalt Anwendung. Die Grünen dürfen, was sie laut Bekunden ihrer Landtagsfraktion auch dringend wollen. Hessen erlebt, falls alles gutgeht, die Premiere einer rot-grünen Koalitionsregierung und ante portas steht ein Grüner, der seinen Eid als Umweltminister ablegen möchte.

Wer auch immer dieses Amt antreten mag, er gehört zu den Protagonisten im Prozeß der Selbstklärung der Grünen. Kompetent soll er sein, kein typischer Grüner in Diktion und Habitus, mit Ausstrahlung ins Bürgerliche und auch kein Feind der Gewerkschaften.

Das klingt nach einer Personenbeschreibung, maßgeschneidert für Otto Schily. Der wäre wohl auch nicht abgeneigt. Holger Börner würde ihn akzeptieren. Aber die Grünen sind noch lange nicht so weit, ihren Minister zu designieren. Vorläufig sind noch andere Namen im Schwange. Karl Kerschgens käme in Frage, und er hätte den Vorteil, sich in Hessen bestens auszukennen. Am wahrscheinlichsten ist, daß sich die Grünen eine Teamlösung einfallen lassen. Sie selber schwören jedenfalls, daß sie noch nicht wissen, wer ihr erster Mann in Amt und Würden sein wird.