Von Wilhelm Herzog

Nichts scheint komplizierter, als ein Buch mit einfachen, klaren Sätzen zu füllen. Vor allem die Schulbuchverlage, darauf erpicht, die Köpfe unserer Kinder um alle nur erdenklichen Weisheiten zu bereichern, haben damit ihre liebe Not. Die hat aber erst recht derjenige, der sich in die Lektüre der mit konfusen Konstruktionen nur so gespickten Schulbücher vertieft: Wie aus dem Irrgarten sprachlicher Schnitzer wieder herausfinden, wie hinter den tieferen Sinn wortgewaltiger Nonsens-Konstruktionen stoßen?

Ein Blick in das Chemiebuch meiner Tochter macht mich mit der Realität bekannt: "Daher leuchtet es ein, daß auch die kleinsten Teile eines Stoffes, obwohl sie vielleicht kugelförmig sind, so angeordnet werden können, daß sich Flächen ergeben, die für unser Auge und unseren Tastsinn völlig eben und spiegelglatt sind, sowie ideale Kanten und Spitzen haben (bei entsprechender Kristallform)."

Was soll mir da einleuchten? Kristalle können völlig ebene Flächen bilden. Für unseren Tastsinn sind diese Flächen auch spiegelglatt, und sie können scharfe Kanten haben. Wie ist das möglich, wo doch solche Flächen und Kanten aus kleinsten Teilen gebildet werden, die vielleicht kugelförmig sind? wie aber können runde Teilchen eine glatte Fläche bilden?

Ich lasse die Kanten und Spitzen mal weg, weil sie zur Sache nichts beitragen und das Verstehen nur unnötig erschweren: Die kleinsten Teile können also in Kristallen Flächen bilden, die für unser Auge und unseren Tastsinn völlig eben und spiegelglatt sind. Und das, obschon diese kleinsten Teile vielleicht rund sind.

So übersetzt, leuchtet mir der Inhalt überhaupt nicht mehr ein. Denn die Behauptung ist einfach falsch. Die kleinsten Teile, also die Atome oder Moleküle, können sich so ordnen, daß die Fläche eben ist. Das stimmt. Daß sich aber die Fläche außerdem glatt anfühlt, liegt nicht an der Ordnung der Atome, sondern allem an der Grobheit unseres Tastsinns. Ein Wesen mit feinerem Tastsinn, zum Beispiel der Taststrahl eines Elektronen-Mikroskops, "empfände" die völlig ebene Fläche als sehr rauh.

Nun wollte ich’s wissen: War ich vielleicht aus Zufall auf die einzige Schwachstelle in dem Buch gestoßen? Wieder blind aufgeschlagen: "Aus den Elektronenformeln der Moleküle ergibt sich (von wenigen Ausnahmen abgesehen), daß die darin enthaltenen Atome – also Atome, die sich im Bindungszustand befinden – keine Einzelelektronen mehr besitzen, durch die weitere Atome gebunden werden könnten."