Die Protestanten vor dem 21. Kirchentag

Von Günther Mack

Es ist schon fast Legende: Als der weiland unverbrauchte Rainer Barzel von seiner Partei in Klausur geschickt wurde, um über das heikle C im Unionsnamen nachzudenken, kehrte er mit der Einsicht zurück: In der Bibel steht nichts über den Milchpreis; aber es gibt einen Milchpreis, der ist gegen die Bibel.

Was für Zeiten, als man die öffentliche Relevanz des christlichen Bekenntnisses noch anhand eines Problems erörtern konnte, das wirklich niemandem auf den Nägeln brannte, und als man ungerügt zu fragen aufhören durfte, ehe ernsthafte Fragen in Sicht kamen.

Wer heute über Gott und die Milch nachdenken wollte, käme nicht umhin, die für 30 Milliarden Mark angelegten europäischen Butterberge und Milchseen zu beklagen vor dem Hintergrund des von Hungerkatastrophen verwüsteten afrikanischen Kontinents. Und die traditionell fassungslose Frage würde nicht mehr lauten: Wie kann Gott das zulassen, sondern: Wie können wir Gottes Schöpfung so etwas antun?

Innerhalb einer Generation hat sich beim Nachdenken über das C, wo immer dergleichen noch geschieht, einiges verändert. Vor allem zwei Elemente tauchen fast überall auf, wo sich die mitteleuropäisch-protestantische Spielart des Christentums zu Wort meldet, sei es zu Milch oder Maniok, sanfter oder atomarer Energie, persönlichem Lebensstil, Friedenssicherung, Arbeitslosigkeit oder neuer Weltwirtschaftsordnung: Das elektronisch vermittelte Bewußtsein von der Universalität und Interdependenz aller Lebensvorgänge prägt weithin das Reden über den eigenen Glauben. Eine Beschränkung der Frömmigkeit auf den privaten Bereich und auf die Seelennischen der Innerlichkeit gilt als Flucht aus der Verantwortung.

Diese Globalisierung des protestantischen Gewissens geht einher mit einem alles erfassenden Aktionismus. "Harre, meine Seele" ist Geschichte. Jetzt wird in die Hände gespuckt und angepackt. Mit einem Engagement, das dem Geist der Gründerjahre angemessen wäre, wird aus der möglichen Veränderbarkeit der Welt ein bindender Auftrag zur Veränderung abgeleitet. Die Jahrhunderte alte Predigt an alle Opfer der Verhältnisse, sich darein zu schicken und so dem Willen des Herrn zu entsprechen, ist von der Überzeugung abgelöst worden, erst die Verwirklichung einer menschlichen Welt vollende das Evangelium von der Menschwerdung Gottes.