Das Enfant terrible der amerikanischen Medienwelt, Ted Turner, hat eine neue Kapriole geschlagen: Er holt die Russen ins Programm.

Ausgerechnet Ted Turner? Eben noch hatte der 46jährige Kabelfernseh-Unternehmer aus Atlanta versucht, den Fernsehgiganten CBS unter seine Kontrolle zu bringen. Denn Ted Turner und seine erzkonservativen Freunde aus den Südstaaten Amerikas finden die Nachrichten- und Dokumentationsprogramme des riesigen Privatsenders "unpatriotisch und wertzersetzend". Seit der Übertragung der McCarthy-Verhöre in den fünfziger Jahren hat CBS in ihren Augen ein gewaltiges Sündenregister angesammelt. Der Verleumdungsprozeß, den der Vietnam-General Westmoreland gegen CBS führte, endete im Februar in einem von der politischen Rechten als Schlappe empfundenen Vergleich.

Hatte Turners gigantisches Projekt, CBS zu kassieren, eben noch die amerikanische Öffentlichkeit schockiert, so sind jetzt die eigenen Freunde und Kampfgefährten konsterniert. Denn Turner ließ vor wenigen Tagen aus Moskau vermelden, er habe ein Abkommen unterzeichnet, das den Austausch von sowjetischen und amerikanischen Journalisten, von Nachrichten und Unterhaltungsprogrammen vorsieht. So wird CNN, Turners rund um die Uhr sendender Nachrichtenkanal, als erster amerikanischer Sender direkt mit der Intervision, dem Fernsehkonsortium des Ostblocks, verbunden sein. Bislang hatten amerikanische und sowjetische Fernsehgesellschaften nur sporadisch gemeinsam produziert oder Programme ausgetauscht. In Erinnerung bleibt den Amerikanern etwa die Serie über den Zweiten Weltkrieg aus sowjetischer Sicht, die von CBS ausgestrahlt wurde.

Turners Vertrag mit den Sowjets läuft zunächst über ein Jahr. Zu seinen größeren Projekten gehört die geplante Gemeinschaftsproduktion einer sechsstündigen Porträtserie über die Sowjetunion.

Wird Ted Turner also bald Gutes aus "dem Reich des Bösen" berichten? Für sein Talent, Unvorstellbares in die Tat umzusetzen, ist der ehemalige World-Cup-Segler berüchtigt; auch für seine leidenschaftlichen Überzeugungen, die er nämlich nie sehr lange hat. Jetzt kommt ihm eben das Geschäft mit den Russen gelegen. Denn er konnte weder die CBS-Aktionäre noch Wallstreet von seiner Finanzkraft überzeugen, um die zur Übernahme erforderlichen zwei Drittel aller Anteile des Milliarden-Objektes zu erwerben (Statt Bargeld hatte er nur hochverzinste Schuldverschreibungen angeboten). Und – Turner ist Pragmatiker: lieber ein Geschäft mit dem Teufel als gar kein Geschäft.

Wird bei CNN in Atlanta bald ein russischer Nachrichtensprecher dem prominenten Kollegen von CBS Konkurrenz machen? Dann hätte Ted Turner gleich zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen. Ob es das rechte Lager so sehen wird, bleibt zu bezweifeln. Allein, Ted Turner ist sich treu geblieben: "Business before politics." Barbara Ungeheuer