Von Ulrich Stock

Kiel

Manchmal genügt ein Wort. Es braucht nur die richtigen Personen. Zum Beispiel 7 betrunkene Deutsche und einen Türken.

Sonntagnachmittag, 2. September 1984, Bahnhof Kiel: Vier Kieler bringen drei Sylter zum Zug. Die jungen Männer sind betrunken – jeder acht Halbe und acht Kurze. Vor der Abfahrt nehmen sie noch einen Abschiedsschluck im Biergarten am Bahnsteig. Da sehen die Sieben einen Türken.

"Mensch", sagt ein Sylter, "was laufen hier viele Kanackers rum, soviel gibt’s auf Sylt nicht."

Das Wort ist gefallen.

Zwischen Kanal und Kanaille definiert es Meyers Lexikon so: "Kanake, Mehrzahl Kanaken, 1. polynesisch: Mensch, 2. (ugs. abwertend) ungebildeter, einfältiger Mensch, 3. (salopp) ausländischer Arbeitnehmer, bes. Türke."

Der Türke hört das Wort und geht auf die sieben Betrunkenen zu: "Was heißt das, Kanacker?"

"Kanacker heißt Kanacker", grölt ihm einer entgegen. Es kommt zum Streit. Die Gruppe wird laut und aggressiv. Die deutsche Ehefrau des Türken, die an einem Kiosk Süßigkeiten kauft, eilt ihrem Mann zur Seite. "Das ist keine gute Atmosphäre, um so einen Ausspruch zu bereden", sagt sie. "Das sind Leute, die nicht wissen, was sie sagen." Sie will ihn wegziehen.

Jetzt fallen weitere Kraftworte: "Votzenkopf", wird der Türke genannt, "Ficker", "Geh doch nach Haus und fick deine Alte" und – "Solche wie Du gehörten in Auschwitz vergast!"

Die Frau sieht zwei Bahnpolizisten und bittet sie um Hilfe. In Gegenwart der Beamten werden die Beschimpfungen wiederholt. "Kommt, Leute, das bringt doch nichts", sagt einer der Polizisten. Der Türke erstattet Anzeige wegen Beleidigung und Volksverhetzung gegen zwei der Deutschen.

Mitte April: Die beiden 27jährigen stehen vor ihrem Richter. Sie sind wegen Körperverletzung und anderer Delikte mehrfach vorbestraft, sie sind seit Jahren arbeitslos und hochverschuldet. Einen Anwalt können sie sich nicht leisten. Zwei Häufchen deutsches Elend. Doch sie sind sich dessen nicht bewußt. Forsch bringen sie ihre Version des Geschehens vor. Ja, der Freund von Sylt habe gesagt: "Soviel Kanackers habe ich noch nie gesehen", und das sei ja auch kein Wunder gewesen: "Er ist ja selten auf dem Festland." Ja, und dann sei der Türke gleich angekommen und habe sie angepöbelt, später zusammen mit seiner Frau: "Ihr Scheiß-Rassisten, Nazi-Schweine, Hitlerjungen!" Sie hätten darauf nichts gesagt, auch nichts von Auschwitz.

"Wir sind doch nicht von gestern", erbost sich der Staatsanwalt: ein Türke sieben Deutsche angepöbelt? "Das können Sie Ihrer Großmutter erzählen."

"Ist das Ihr üblicher Ausdruck", will der Richter von den Angeklagten wissen, "Kanacker?"

"Wie meinen Sie das?" fragt der eine zurück.

"Ja, ob Sie das immer sagen?"

"Ja, eigentlich schon."

"Und was soll das heißen?"

"Kanacker heißt Kanacker."

Der Türke, als Nebenkläger mit Anwalt erschienen, tritt in den Zeugenstand. Er ist 28 Jahre alt und arbeitslos. Ein selbstbewußter Kurde, der sich in gebrochenen Sätzen als "politischer Emigrant" ausweist. "Sie sprechen so deutsch, daß Sie alles verstehen?" fragt der Richter. – "Ja."

Der Türke berichtet, der eine Polizist habe die Gruppe aufgefordert, sich zu entschuldigen. Da habe der eine Angeklagte gesagt: "Wofür sollen wir uns entschuldigen? Da habe er Anzeige erstattet. Seine Frau, Rechtsanwältin in Kiel, bestätigt die Angaben.

Der Richter mag kein Urteil fällen, ohne die Zeugen von Sylt gehört zu haben. Aber sie sind nicht geladen worden. Einen zweiten Prozeßtermin ansetzen? Das könnte die Angeklagten teuer zu stehen kommen. Er fragt sie vorsichtig, ob sie mit der Einstellung des Verfahrens gegen eine Geldbuße einverstanden wären. Sie sind es nicht. "Das könnte ich finanziell auch gar nicht", sagt einer.

Die beiden verstehen das Zögern des Richters falsch. Sie fühlen sich gestärkt.

Der Prozeß wird vertagt.

Mitte Mai: Nun sind alle sieben versammelt. Das Problem: Angeklagt sind zwei, wer aus der Gruppe hat was gesagt? Ein Polizist ist als Zeuge da, der andere macht gerade Urlaub in Griechenland. Einen Augenblick lang überlegt der Richter, einen dritten Termin anzusetzen.

Die Sieben schildern eindringlich, wie der Türke sie bepöbelt habe. Einer behauptet, er habe sie zuvor eine halbe Stunde lang angestarrt. Ein Zeuge der Anklage dagegen kann glaubwürdig versichern, der ganze Streit habe nicht länger als acht Minuten gedauert.

Der Staatsanwalt in seinem Plädoyer: "Wir haben die Meinungsfreiheit. Es ist jedem unbenommen, sich über Ausländer zu unterhalten. Aber es kommt auf den Rahmen an, auf die Art und Weise."

Die Angeklagten haben das letzte Wort. Einer sagt: "Wenn das schon soweit ist, daß man nicht mehr mit ’ner Gruppe irgendwo hingehen kann, dann ist das traurig." Der andere sagt: "Mein Bruder ist ja auch dabeigewesen. Der ist Landesmeister im Karate. Der hätte es dem Türken ja zeigen können, wenn wir gewollt hätten."

Das Urteil: Freispruch für den einen – ihm war kein Ausspruch nachzuweisen –, fünfzehn Tagessätze zu fünfzehn Mark für den anderen, der von Auschwitz sprach, wegen "Ehrenkränkung zum Nächteil eines ausländischen Mitbürgers".

Nach der Urteilsbegründung versammeln sich die Sieben im Vorraum. Sie verstehen die Welt nicht mehr. "Wie oft ich schon zu einem gesagt hab, ‚du kommst nach Auschwitz‘, da hat mich ja nie einer angezeigt", poltert einer der Zeugen. Und der Freigesprochene meint, "weil unsere Väter und Großväter KZs gebaut haben, sollen wir immer noch bitte bitte und danke danke sagen." Das sieht er nicht ein.

Er bereut jetzt, den Türken "nicht durchgezogen" zu haben.