Von Siegfried Schober

Los Angeles, Kalifornien. In einem Latinoviertel, einem von Einwanderern aus Lateinamerika bewohnten Stadtteil, zieht sich in einem bescheidenen Haushalt einer der Söhne der vielköpfigen Familie die Uniform der US-Armee über. Die frischgebügelte Kriegstracht in schmuckem Grün ist eine besondere Uniform, sie gehört der Spezialeinheit "Green Berets", die durch Vietnam zu trauriger Berühmtheit gelangt ist.

Bald darauf schwebt der Elitesoldat von einem US-Truppentransporter am Fallschirm auf eine idyllisch photographierte Tropenlandschaft in Mittelamerika herab. Das Absprunggebiet befindet sich an der Grenze von Honduras zu Nicaragua.

So beginnt, Symbolkraft und Action verbindend, ein neuer Spielfilm aus den USA – "Latino". Wäre der Film gelungen, könnte man ihn eine Sensation nennen, denn es handelt sich um eine Hollywoodproduktion, die ganz klar zu erkennen gibt, auf welcher Seite sie nicht steht: "Latino" ist ein harsches Spielfilmpamphlet gegen den vom US-Präsidenten und der amerikanischen Rechten geförderten schmutzigen Krieg, der von den Contras zusammen mit amerikanischen Soldaten gegen das sandinistische Nicaragua geführt wird.

Der Zweck heiligt die Mittel, haben sich der Produzent des Films, George Lucas, und der Regisseur Haskell Wexler offenbar gedacht: In einem banalen, glatten Inszenierungsstil, der wohl bei einem durch "Dallas"-Fernsehserien geprägten Publikum ankommen soll, erzählen sie ihr simples Lehrstück. Der Held, der Latino aus Los Angeles, ist ein aufrechter und naiver Junge, auch ein anständiger Edelmacho, was wohl den Reklameeffekt seiner späteren Läuterung erhöhen soll. Anfangs identifiziert er sich ganz selbstverständlich mit seinem Soldatenhandwerk, wenn seine amerikanische Einheit und die Contras Dörfer in Nicaragua überfallen, zerbomben und Blutbäder anrichten, ohne Frauen und Kinder zu schonen.

Die Bilder erinnern an Vietnam, deuten bewußt die Parallele an.

Die Überfallenen und Bedrohten in Nicaragua, die campesinos, das Landvolk, sind im Stil eines Folklore-Romantizismus Photographien. Paradiesische Einfachheit und Einfalt und Tropenzauber werden suggeriert, so daß Nicaragua wie aus einem Revolutionsreiseprospekt erscheint, in dem von Politik nicht die Rede ist – Revolution ist beautiful, und die häßlichen Amerikaner sind wieder einmal drauf und dran, etwas Schönes zu zerstören. Der Film will glauben machen, daß Amerika auf alles, was ihm fremd ist, was sich ihm nicht anpaßt, was exotisch und ursprünglich ist, nur mit Aggression und Krieg reagieren kann.