Glauben, gehorchen, kämpfen: die Parolen nationalsozialistischer Propaganda zielten mit brutaler Indoktrination auf die Abrichtung Jugendlicher zu "Helden". Der österreichische Journalist Ernst Nöstlinger, Jahrgang 1932, beschreibt mit der Geschichte des fünfzehnjährigen Martin, zwangsverpflichtet als Luftwaffenhelfer, den braunen Alltag von Hitlers Kinder-Soldaten in Wien. Nachdem Goebbels im Berliner Sportpalast 1943 den totalen Krieg ausgerufen hat, wird auch in Österreich "die deutsche Jugend zum Schutz der Zivilbevölkerung und kriegswichtiger Anlagen eingesetzt". Das bedeutet für Martin und seine Kameraden: von der Schulbank auf den Kasernenhof – Drill, Terror, Denunziation, trostlose Baracken, miserable Verpflegung. Täglicher Wehrsold: 50 Pfennig.

"Koobani im Gleichschriiiiiit maaasch! Koobani stiiiiiiiistnd! Abdreeeeeeeed!" gröhlt der Spieß über den Schleifplatz, Militärische Exerzitien dieser Machart werden Martins Altersgenossen bei den Bombenangriffen der Alliierten nicht retten. Mit aufgerissenen Leibern, abgerissenen Gliedern, verstümmelt, verschmort, zerfetzt, findet Flakhelfer Martin seine Batterie-Kumpel im Laufgraben. "Sie san hin, sie san alle hin" schreit der Freund Flöttl im Schock vor den Toten.

Ernst Nöstlinger erzählt authentisch (wahrscheinlich auch teilweise autobiographisch). Wie ein erschrockener Augenzeuge, der gerade selber aus dem Laufgraben gekrochen ist. Statt kunstvoll gedrechselter Sprachgesten und literarischer Finessen gibt der Autor einen Bericht über Krieg. Und dieser Bericht packt den Leser, läßt ihn erschrecken, macht mitfühlend –

Ernst Nöstlinger: "Martin Wimmer und der totale Krieg – Fünfzehnjährige ab Luftwaffenhelfer"; Dachs Verlag, Wien; 208 S., 23,90 DM.

Knappe Skizze des politischen Milieus: Angst, Anpassung, Goschnhalten. Die hundertprozentige Sedlacek und Bockskandl, der Blockwart, schikanieren Martins Mutter. Er selber hat kapiert, daß offene Opposition zu Hause oder in der Batterie-Einheit lebensgefährlich sein kann. Er lernt, Denunzianten, Treudumme, Schleichhändler, Spitzel und Freunde zu unterscheiden.

Weil Nöstlinger ein unpathetisch ehrlicher Erzähler ist, bleiben skurrile, groteske Episoden nicht ausgespart. Auch Schreckenszeiten haben Komik. Es gibt romantische Hamster-Touren, verpatzte Mädchen-Affären, ein Christfest mit Alustreifen der Amis als Weihnachtsbaumschmuck, Silvesterfeten, wo die letzten Stahlhelme mit Krepp-Papier ausgepolstert und Keksen vollgestopft werden.

Gar nicht komisch: Martins Verhaftung wegen "beleidigender Äußerungen gegen den Führer" am 20. Juli. Freispruch mangels Beweisen. Nur der Nowak bekommt wegen Wehrkraftzersetzung ein Jahr Gefängnis. Abzusitzen nach dem Krieg. Der Nowak braucht nicht zu sitzen. Er bleibt liegen. Im Laufgraben. Tot.