In Regensburg hat ein Lehrer eine ganze Schulklasse gegen sich aufgebracht Sie zog gegen ihn sogar vor Gericht.

Seit Wochen wächst Unruhe im Werner-von-Siemens-Gymnasium in Regensburg. Weder Schüler noch Lehrer, weder Schulleitung noch Behörden vermochten es, einen Streit einzudämmen, den ein Englisch- und Turnlehrer selbstgerecht mit seiner Klasse ausficht: Karl T., 45 Jahre alt, pocht auf alte Tugenden, auf Fleiß, Arbeit, Härte. Offenbar mischt er die pädagogischen Anforderungen – nach glaubwürdigen und übereinstimmenden Aussagen seiner Schüler – nicht nur mit Ironie und Sarkasmus, sondern auch mit eisigem Schweigen und mit einem Schuß Sadismus.

Die Szenen im Schulzimmer und auf dem Sportplatz sind, wie die jungen Leute sie wiedergeben, merkwürdig. Der Lehrer fischt sich gern schwächere Schüler heraus, gibt aber nicht zu erkennen, ob ihre Antworten richtig sind. Er schweigt und fragt weiter. Nach einer Weile herrscht er den verunsicherten Schüler an, ihm sei nun eine Sechs sicher, oder er sagt auch schon mal: "Sie sind doch nicht aus einer Gastarbeiterfamilie!"

Auf dem Sportplatz soll er, so die entsetzten Berichte, einen langsamen Schüler beim Laufen zum Stolpern gebracht haben. Als der Schüler hinfiel, halbe der Lehrer auf dessen blutendes Knie gewiesen und gesagt: "Das kommt davon, wenn man nicht schnell genug läuft."

Die Klasse 11 des Gymnasiums, 23 im Schnitt 17jährige Schülerinnen und Schüler, scheint schon vielfach geknickt und verunsichert. Die "Schulkarrieren", so ein Lehrer, seien häufig nicht gut verlaufen. Karl T. wolle die Klasse auf Vordermann bringen. Er wird als tüchtiger, fleißiger Englischlehrer dargestellt, dessen Pädagogik allerdings von einem Großteil seiner Kollegen seit langem abgelehnt wird. Aber der Lehrer ist unbeirrt.

Doch zogen die Schüler nicht, wie meist in solchen Konflikten, die Köpfe ein. Sie boykottierten ihren Englischlehrer Karl T., und sie wurden von ihren Eltern zunehmend unterstützt. Die hatten an Söhnen und Töchtern Aggressionen und Depressionen in bestürzendem Ausmaß bemerkt. Gutachten wurden eingeholt, die Presse der Region alarmiert, von Selbstmordgefährdung mancher Schüler ist die Rede. Die Eltern schickten einen Zitatenkatalog mit Aussprüchen von T. nach München; sie bedrängten die Schulverwaltung, den Lehrer auszutauschen – aber die Kulturbeamten und die Schule selbst blieben ratlos und fast tatenlos.

Die vierzehn anderen Lehrer, die in der Klasse Kurse abhalten, bemerkten wohl die Verstörung. Man einigte sich mit den Eltern auf einen "kontrollierten Unterricht": Sechs Lehrer und Eltern saßen hinten im Klassenzimmer. Herr T. mäßigte sich, die Schüler ängstigten sich weiter. Versteckter Psychoterror wirkt lange nach. Ein Psychologe riet Eltern, nach dem Unterricht ihre gefährdete Tochter nicht allein nach Hause gehen zu lassen.