In Seoul sprachen erstmals seit zwölf Jahren wieder Rotkreuz-Vertreter aus Nord- und Südkorea über eine Familienzusammenführung in dem geteilten Land.

Die Nordkoreaner kamen mit großem Troß und einer grandiosen Vision: Die Grenze zwischen Nord und Süd, durch "ausländische Intervention" geschaffen, könne "sofort beseitigt werden, wenn wir es nur wollen". Das verkündete Pjöngjangs Chefdelegierter Li Chong Ryul. Und flugs legte der Leiter der 84 Mann starken Delegation aus dem kommunistischen Norder. seinen verblüfften Gastgebern einen konkreten Vorschlag auf den Tisch: Getrennte Familienmitglieder sollten sich bis zu einem Monat im anderen Landesteil aufhalten und sich während ihres Besuches bei den Verwandten dort frei bewegen dürfen.

Die Vertreter des Südens gaben sich reserviert. Leidvolle Erfahrungen haben die Regierung in Seoul argwöhnisch werden lassen. Verbarg sich hinter der großmütigen Geste aus dem Norden der neuerliche Versuch heimtückischer kommunistischer Infiltration? Oder wollten die Abgesandten Pjöngjangs nur bluffen, um die Südkoreaner als kompromißlose Kalte Krieger bloßstellen zu können? Bevor man die Grenzen öffne, antworteten die Vertreter Seouls, müßten zunächst Adressen ausgetauscht werden, um zu erfahren, wer im anderen Landesteil Verwandte habe.

Rund zehn Millionen Koreaner wurden durch die Spaltung des Landes nach dem Zweiten Weltkrieg und durch die Wirren des Koreakriegs (1950-1953) von ihren Familien getrennt. Seit nunmehr 40 Jahren sind Nord und Süd hermetisch voneinander abgeriegelt.

Erste Gespräche über eine Familienzusammenführung scheiterten Anfang der siebziger Jahre, weil, so heißt es in Seoul, der Norden an der Lösung humanitärer Fragen niemals wirklich interessiert gewesen sei, sondern die Treffen zu propagandistischen Attacken gegen den Süden mißbraucht habe. Erst im November 1984, als Seoul Hilfsgüter aus dem Norden für die Opfer einer Flutkatastrophe angenommen hatte, kamen die Rotkreuz-Gespräche wieder in Gang.

Doch immer noch stehen sich die antagonistischen Brüder voller Argwohn gegenüber. Seit dem Bombenanschlag auf eine südkoreanische Regierungsdelegation in Burma, bei der 17 Begleiter von Präsident Chun Doo Hwan starben und hinter dem das Regime in Pjöngjang vermutet wird, sind erst eineinhalb Jahre vergangen.

Kein Wunder, daß Seoul den neuen freundlichen Offerten aus dem Norden nicht traut. Hinter dem Rauchschleier der Verständigungsbereitschaft, glaubt man in Seoul, arbeite das Regime Kim Il-Sungs unbeirrt auf die gewaltsame Wiedervereinigung Koreas unter kommunistischer Herrschaft hin.