"Fragment und Totalität", herausgegeben von Lucien Dällenbach und Christiaan L. Hart Nibbrig. Es gehört zu den schönen Träumen des Menschen, das Ganze denken zu wollen, weil die Teile, mit denen wir es in aller Regel zu tun haben, meistens unbefriedigend sind. So entstand im 18. Jahrhundert die "Enzyklopädie" als ehrgeiziger Versuch, die Totalität allen Wissens zusammenzutragen, aus den Einzelheiten das Mosaik des Ganzen sichtbar zu machen. Jeder weiß, daß dieses Unternehmen, wie alle seine Nachfolger, auch nur eine Trümmerstätte geblieben ist: je mehr Teile entdeckt wurden, desto diffuser wurde das System, so daß Nietzsche hundert Jahre später sagen konnte: "Ich mißtraue allen Systematikern und gehe ihnen aus dem Weg. Der Wille zum System ist ein Mangel an Rechtschaffenheit." Aber trotz der Erkenntnis, daß das Ganze das Unwahre sei (wie Adorno, Hegel auf den Kopf stellend, festgestellt hat), hält die "Suche nach der verlorenen Quelle eines Zusammenhangs" (George Steiner) an, weil wir offenbar "ohne Sinn nur schwer auszukommen vermögen" (Françoise Gaillard). Und wenn das Ganze schon nicht positive Gewißheit und schon gar nicht zu rekonstruieren ist, so bleibt doch der Verdacht, daß es einmal existiert haben muß, wie es der große Fragmentariker Robert Musil ausdrückte: "... man kommt zuweilen auf den Gedanken, daß alles, was wir erleben, losgerissene und zerstörte Teile eines alten Ganzen sind, die man einmal falsch ergänzt hat." Weil der Plan verlorengegangen ist, möchte man ergänzen, klug geworden durch den Umgang mit Fragmenten, deren bewußte Hervorbringung Novalis empfahl und wie wir sie von der Ruinenmalerei her kennen.

Ob Fragment und Totalität einander ergänzen oder ob das Fragment auch ohne das Ganze auskommt; warum ein Teil angemessener sein könnte als das Ganze; ob das Ganze verloren oder noch nicht erreicht ist; wie sich schließlich eine "Ästhetik des Skizzenhaften" seit der Romantik durchsetzen konnte – diese und andere Probleme werden (fragmentisch, versteht sich, und unter gewissenhafter Ausblendung der Naturwissenschaften) an Beispielen aus der Literatur, der Bildenden Kunst, der Musik, der Architektur und der Psychoanalyse in einem anregenden Band diskutiert, der sich wie ein idealer Schüssel für die Tür liest, hinter der das Ganze verborgen bleibt: der Schlüssel paßt, aber die Tür klemmt. Es bleiben die unerhört philosophischen Worte von Maurice Sendaks Hund Higglety: "Es muß im Leben mehr als alles geben." (Suhrkamp Taschenbuch Verlag, Frankfurt, 1984; 368 S., 18,– DM.)

Michael Krüger