Von Ulrich Greiner

Auf der Stirnseite des Frankfurter Opernhauses steht geschrieben: "Dem Wahren, Guten, Schönen". So lautet der Sinnspruch einer Ästhetik, an der zu zweifeln längst üblich ist. Es scheint uns selbstverständlich, daß die drei Dinge nicht zusammenpassen. Zum Kainsmal moderner Kunst gehört, daß die Wahrheit häßlich und das Böse schön sein kann. Das moralisch Gute hingegen, das nach alter Ansicht Kern des Kunstwerkes zu sein hat, finden wir im Kitsch.

Es war vor allem die Ästhetik Adornos, die uns die bittere Einsicht lehrte, daß in einer Welt universalen Unheils vom Kunstwerk Ganzheit nicht mehr gefordert werden darf. Aufgabe der Kunst sei es, sagte Adorno, Chaos in die Ordnung zu bringen. Denn in der Ordnung lauert der Terror, und Ganzheit ist Lüge.

Das Gespräch über Kunst war lange von dieser triumphal-düsteren Gewißheit beherrscht. Schönheit und Genuß von Schönheit schienen ein für allemal ins Triviale verbannt. In der Kunst herrschten Zerrissenheit, Finsternis, allenfalls fahl erleuchtet durch Ironie oder blanken Hohn.

Als ich die Inschrift an der Frankfurter Oper zum erstenmal bewußt wahrnahm, standen nur noch die Außenmauern, in deren Ritzen junge Birken sprossen. Inzwischen ist aus der Ruine eine prächtige Rekonstruktion geworden. Die Szenerie hat sich verändert. Das Kunst-Schöne und die schöne Kunst sind zurückgekehrt. Am Theater scheint die Zeit der schockierenden, verletzenden Inszenierungen vorüber, die einstmals kahle Bühne wird durch prächtige Bilder belebt, man pflegt und hegt die Klassiker. In der Literatur ist selbstquälerischer Narzißmus passé. Schön erzählte Romane mit üppiger Metapnorik, Gedichte in kunstvoll beherrschter Form erfreuen sich wachsender Beliebtheit. Beherzte Sinngebung verbindet sich mit sanfter Poesie. In der Musik sind die Neutöner alt geworden; der schöne, anspruchslose Wohlklang der Minimalisten hat sie zurückgedrängt. Auch das Kino erzählt märchenhafte, sagenhafte Stoffe in schönen Bildern, und einzig der Altmeister Godard beharrt noch auf seinem Zweifel an Geschichten und Metaphern.

Wann und wie hat das angefangen? Vielleicht mit dem von der Kulturkritik lange nicht bemerkten Erfolg von Michael Ende, vielleicht mit dem Siegeszug des Zirkus Roncalli, vielleicht mit Spielbergs "E.T.". Plötzlich wurde offenkundig, daß das Publikum auf sein Bedürfnis nach Schönheit nie verzichtet hatte. Die Sehnsucht nach Harmonie, mochte sie auch Lüge sein, war nie erloschen. Nun kehrt das Schöne in die ernsten Künste zurück. Und die Kritiker scheuen sich nicht mehr, es zu loben. Mit einer Träne auf der Wange kommen sie aus "Paris, Texas", und funkelnden Auges begeistern sie sich an "Carmen". Wir wollen wieder gerührt sein.

All dies erklärt vielleicht den leisen, aber anhaltenden Erfolg des sowjetischen Filmregisseurs Andrej Tarkowskij. Die rätselhafte Poesie seiner Bilderwelt zog vielleicht deshalb so viele in ihren Bann, weil sie den Blick öffnete für eine andere Schönheit. Denn in seinen Filmen erscheint Schönheit nicht als jene glanzvolle und glatte Oberfläche, die uns aus allen Illustrierten und von allen Plakaten entgegenlacht und der zu widerstehen so notwendig und ermüdend ist, sondern Schönheit ist bei Tarkowskij bodenlos, abgründig und auch "des Schrecklichen Anfang" (Rilke). Das "Schreckliche" ist das Erschrecken vor jener Tiefe, in die unversehens die Erinnerung hinabstürzt, hin zu den Bildern der Kindheit, der Träume, der namenlosen Phantasien.