Berlin: "15" Jahre Deutsches Design"

Wie es der Zufall wollte, begann nur zwei Wochen nach der Eröffnung des neuen Berliner Kunstgewerbemuseums das Internationale Design Zentrum (IDZ) seine Wanderausstellung "150 Jahre Deutsches Design". Während das 20. Jahrhundert, ja die Epoche der Industrialisierung überhaupt im Museum eher zusammengewürfelt präsentiert werden, zeigt das IDZ eine in sich geschlossene und im Grunde glanzvolle und selbstbewußte Geschichte der Moderne. Von Schinkels Tafelstuhl zu Behrens’ Entwürfen für die AEG, von der Wagenfeld-Lampe zur Braun-Linie der Nachkriegszeit finden sich alle Klassiker deutscher Produktgestaltung, die einmal mehr als eine stete Auseinandersetzung mit den Fragen der Angemessenheit, Zweckdienlichkeit und Materialgerechtigkeit vorgeführt wird. Zumindest in zwei der sieben chronologischen Abteilungen der Ausstellung kommt auch die anti-sachliche Gegenrichtung zum Vorschein, wenn auch begrenzt. Der alles überwuchernde Historismus des späten 19. Jahrhunderts braucht zu seiner vollen Wirkung das Ensemble, nicht das Einzelstück; und was in dem überraschend reichhaltigen Kapitel zur Nazizeit versammelt ist, stellt eher eine Subgeschichte des Funktionalismus unter widrigen Umständen dar. Erst das Schlußkapitel zur unmittelbaren Gegenwart läßt in seiner – verständlichen – Ratlosigkeit etwas von der Diskrepanz sichtbar werden, die sich zwischen der Zweckrationalität der Gegenstände und jenen sinnlich-emotionalen Bedürfnissen ihrer Benutzer aufgetan hat, für die hierzulande der Trödelmarktboom steht und die im Ausland wohl als "German Gemütlichkeit" identifiziert werden. Die Botschaft der Ausstellung und ihrer überlegten und glänzend präsentierten Auswahl an Objekten jedenfalls ist, daß der Weg von Schinkel zum Bauhaus und zur Ulmer Hochschule sich als richtigere, weil dem Menschen als Nutzer der Dinge gemäße, erwiesen hat – zu Recht. (IDZ, Messehallen bis zum 17. Juni, Katalog 25,– DM.)

Bernhard Schulz

Ulm: "Abraham David Christian"

Entstanden, wie man hört, sind sie in New York, die Blätter von Abraham David Christian. Unter dem Eindruck vor allem von Harlem, in einem Apartment in der Thompson Street in Lower Manhattan. Armut und Gewalt zeichnen den Hintergrund für den Zyklus "One Two Five", doch auch, wie es heißt: die "Ursprünglichkeit und Vitalität" in den Elendsquartieren. Abraham David Christian, in New York, Düsseldorf, Amsterdam oder anderswo unterwegs und ununterbrochen beim Zeichnen! Er sagt: "Das ist eine Identifikation mit mir selbst an einem fremden Ort." In Amerika sind malerische Arbeiten entstanden, in der Spannung zwischen der Zeichnung mit Graphit, die sich im Zeichnen konzentriert, und der Handlung mit Farbe, die ihr vorausgeht und ihr (teilweise) folgt. Der Ausdruck des Malerischen ist zweifellos ein Zugewinn für Christian. Der raunende Tiefsinn der sein Werk begleitenden Kunstkommentare ist gelegentlich ärgerlich. Christian, der am "authentischen Ort des Lebens" (z.B. New York) das Ziel des "großen", des "wahrhaftigen" Kunstwerks erreicht, allen Was-kümmert-mich-die-Kunst-Gebärden verwirrter Altersgenossen zum Trotz... Nichts mehr von: "Entscheidend ist die Lust am Machen". Hier fällt das Senkblei der Deutung gleich in die zutiefsten Tiefen. ("Der Mensch, auch der Künstler, ist Gefäß und Werkzeug der höheren und eigenen Schöpfung...") Das Wort "Berufung", ganz ohne Bedeutung, da die Rockmusiker pinselschlagend von der Malerei Besitz ergriffen, hier nun wieder ist es dem Schaffen vorangesetzt. Der Künstler, so war es vor zwei Jahren zu lesen, als der Plastiker und Zeichner Christian gleich an mehreren Orten zu sehen war, der Künstler als "Prophet" und "Seher": "Erfüllt von der Evidenz seines Erkennens, angetrieben von seiner Sehnsucht, bezwungen von seiner Berufung, bereit für seine Botschaft zu sterben ..." Die Ulmer Ausstellung, war zu hören, ist ein "Probelauf" für eine Gruppenausstellung jüngerer Deutscher, die dem Thema des "Zeichens" – "als Kultur-, Symbol- und Hoffnungsträger" – gewidmet sein wird. Im kommenden Jahr soll sie von Duisburg aus ihren Lauf nehmen. (Kunstverein bis 9. Juni. Katalog 8,–DM.) Volker Bauermeister