Manche wollen nicht, andere können nicht mehr zurück in die Arbeitsgesellschaft

Von Erika Martens

Für ihn war es ein Sport. Jahr für Jahr kassiert er beim Sozialamt einen Zuschuß zur Heizungsrechnung. Alle Sachbearbeiter im Amt wußten, daß der Mann ein Zuhälter ist. Doch sie kamen ihm nicht auf die Schliche. Eines Tages entdeckte eine Beamtin ihn im wallenden Fuchspelzmantel im Supermarkt. Wenig später lieferte er den endgültigen Beweis seines Wohlstands. Bei seinem nächsten Behördenbesuch parkte er seinen dicken Mercedes falsch. Und die Polizisten, die von der Beweisnot ihrer Kollegen wußten, informierten flugs das Sozialamt. Konfrontiert mit dem Strafzettel verließ der Überführte wortlos das Gebäude und ward nie wieder dort gesehen.

Für den 17jährigen Gymnasiasten ist es eine Form des Widerstands gegen die Leistungsgesellschaft. Seiner Mutter erklärte er kurz vor dem Abitur, er habe die feste Absicht, niemals zu arbeiten und wolle sich von der Familie oder dem Sozialamt unterhalten lassen. "Ihr werdet für mich zahlen, mein Leben lang." Der junge Mann scheint recht zu behalten. Die Mutter wurde aus Kummer über den mißratenen Sohn krank und kann ihn nicht ernähren. Das Sozialamt muß zahlen. Denn der bildende Künstler, Maler und Graphiker läßt sich nichts zuschulden kommen. Treu und brav meldet er sich regelmäßig beim Arbeitsamt, schließlich, was kann ihm passieren? Eine Vermittlung muß er in seinem Metier nicht fürchten.

Lesen im Kaffeesatz

Für das Mitglied der Hell’s Angels ist es eine Kraftprobe. Der Volksschüler, Abgang nach der sechsten Klasse, arbeitete 1982 zuletzt als Staplerfahrer. Berufsfördernde Maßnahmen, die ihm das Arbeitsamt anbietet, lehnt er rundweg ab. Belehrt über die finanziellen Folgen, fällt ihm urplötzlich ein, daß er just zu dem Zeitpunkt des Lehrgangs schon lange einen Urlaub geplant habe. Kommt er mit der Ausrede beim Sachbearbeiter nicht durch, marschiert dieser Brocken von einem Mann zum Vorgesetzten und macht dort einen solchen Krach, daß der nicht den Mut hat, nein zu sagen.

Drei Fälle von Mißbrauch des sozialen Netzes, die so oder ähnlich wohl jeder Beamte in den Sozial- oder Arbeitsämtern erzählen kann. Peter Sobotka, Berufsberater im Hamburger Arbeitsamt, kümmert sich um die Langzeitarbeitslosen, bestellt sie zu sich, bietet ihnen zur Verbesserung der Vermittlungsaussichten Kurse an und bespricht ihre Situation mit ihnen. Auf eine dieser Maßnahmen sprach er 54 seiner Kunden an. 34 erschienen am ersten Tag des Sechs-Wochen-Lehrgangs, 24 schrieben sich wirklich ein, und nach drei Wochen war der Haufen auf ganze zwölf Teilnehmer zusammengeschrumpft. "Typisch", kommentiert Sobotka trocken.