Die 12. Frankfurter Römerberg-Gespräche galten dem Thema "Mäzen und Muse – wer hält wen aus?"

Karla Forbeck, die zusammen mit Andreas J. Wiesand das Bonner "Zentrum für Kulturforschung" leitet, sprach aus, was auch andere dachten: daß das optische Signet der diesjährigen Römerberg-Gespräche ein anachronistisches Klischee sei – als solches aber offensichtlich leider von einigen Rednern und Diskussionsteilnehmern ernstgenommen. Um es kurz zu beschreiben, "Mäzen und Muse": ein melancholisch dreinblickendes Herrenantlitz verwandelt sich im Hinterkopf in ein kokett träumerisches junges Mädchen. Der siamesische Doppelkopf, überrankt von Blumen: da kann man sich eigentlich nur entscheiden, ob man der Liaison den Vorzug gibt oder der Mißgeburt. Oder ist vielleicht diese Liaison, wenn schon nicht eine Mißgeburt, so doch ein Mißverständnis – dazu noch ein unproduktives?

In Frankfurt jedenfalls sah es über weite Strecken der Veranstaltung so aus. Hing es vielleicht damit zusammen, daß hier (als offizielle Redner) nur Männer auftraten, daß die meisten von ihnen vor allem auch beweisen mußten, wie fabelhaft sie sind in ihren jeweiligen Rollen? Das fing an mit Alexander U. Martens, dem Diskussionsleiter, der erst einmal seine Gesinnung vorzeigen mußte, indem er Bernhard Vogels Beitrag mit einer hämischen Bemerkung über die Wahlschlappe der CDU in Nordrhein-Westfalen einleitete. Und das ging bis zu Herbert Moritz, dem österreichischen Bundesminister für Unterricht, Kunst und Sport, der die Gelegenheit benutzte, die erfolgreiche Kulturarbeit der Sozialistischen Partei Österreichs minutiös bis in den letzten Almenwinkel auszuleuchten. Und selbst Hilmar Hoffmann, erfolgreicher und routinierter SPD-Kulturdezernent im CDU-Frankfurt, mußte nicht nur die (wirklich großen) eigenen Kulturheldentaten noch einmal aufzählen, er mußte auch schnell noch eine Graphik-Edition der IG Metall rühmen – ebenso, wie dann Bernhard von Loeffelholz, kräftig kulturfördernd tätig beim Bundesverband der Deutschen Industrie und der Ponto-Stiftung, die (in der Tat weniger bekannten) mäzenatiscnen Ruhmestaten der Industrie liebevoll beschrieb.

In diese Meistersinger-Atmosphäre der (mal mehr, mal minder) gepflegten Animosität platzte das Referat eines Schweizer Professors für Ökonomie wie ein Feuerwerkskörper: man solle, sagte Guy Kirsch kurz und bündig, die ganze Kulturförderung privatisieren, sie dem Staat, der sie mehr schlecht als recht durch vorwiegend inkompetente Leute verwalte und im schlimmsten Falle auch zur Machtdemonstration benutze, entreißen. Der Vortrag von Kirsch riß die Leute aus dem Tagungsdösen, und es passierte das Schönste: alle waren empört, die Museumsdirektoren und die Museumsstürmer – denn natürlich brauchen alle für die Aufs und Abs der Liaison den festen Boden der Ehe.

Karla Forbeck blieb es vorbehalten, den Dank über den so erfrischend gegenläufigen (wenn auch, wie sie sagte, "kulturdarwinistischen") Vortrag zu ein paar grundsätzlichen und sachlichen Anmerkungen zu nutzen: natürlich braucht die Kultur den Staat, der die Rahmenbedingungen schafft, die Kontinuität garantiert und gerade in der föderalistischen Bundesrepublik viele Chancen zur Differenzierung hat; und natürlich braucht sie das private Engagement. Aber: Mit den Begriffen schon fängt die ungute Situation an: Warum spricht man von Mäzen und Muse und nicht von Kunst und Wirtschaft? Warum von Subventionen und nicht von Investitionen – wo doch den Staat, die Wirtschaft und die Kunst eines in aller angenehmen Sachlichkeit deutlich verbindet: alle erwarten sich aus der Zusammenarbeit einen Profit. Den Künstler als Almosenempfänger darzustellen, ist ebenso anachronistisch wie die Verteufelung der Wirtschaft oder die Heilserwartung an den Staat.

Es gibt in Deutschland, das wurde immerhin klar, trotz aller Unzulänglichkeiten und Grotesken der Kulturförderung eine "hübsche Landkarte mäzenatischer Kleinstaaterei" (Forbeck). Wenn jetzt zum Beispiel der Gesetzentwurf des Landes Rheinland-Pfalz Zustimmung findet, der die lang geforderten Steuererleichterungen für kulturelle Investitionen zum Thema hat, dann könnte bei uns das Mäzenatentum so öffentlich und alltäglich werden, daß die Liaison zur Polygamie avancieren würde. Petra Kipphoff