Von Klaus Pokatzky

Konstanz

Generalmajor a. D. Gerhard Kerscher ist 69 Jahre alt. Mit seinen rosigen Bäckchen sieht er aber mindestens zehn Jahre jünger aus. Er ist ein umtriebiger Mann. Eigentlich könnte er sich auf seinen Lorbeeren ausruhen. Im letzten Krieg war er Transportflieger, in Polen, Frankreich, Norwegen; wurde schließlich zum Generalstab abkommandiert. Im Frieden hat er sich eine Baustoffhandlung aufgebaut, die er heute noch leitet. Später hat ihn die Bundeswehr gerufen, er wurde stellvertretender Luftwaffeninspekteur.

Das Fliegen läßt ihn immer noch nicht ruhen. Im "Club der Luftfahrt von Deutschland e. V." amtiert er als Vize-Präsident, und im Herbst vergangenen Jahres hat er mit alten und jungen Fliegerkameraden den "Freundeskreis Luftwaffe e. V." gegründet. Da ist er Präsident. Selbst geflogen ist er seit dem Krieg nicht mehr. Aber wann immer sich eine Gelegenheit bietet, sitzt er bei Freunden, die eine eigene Maschine haben, im Cockpit. An seinen allerersten Alleinflug am 13. Oktober 1936 auf dem Fliegerhorst Salzwedel, "heute DDR", erinnert er sich noch wie heute: "Dieses Gefühl, hier irgend etwas zu beherrschen, in der Luft zu sein, von der Erde weg, alles um Sie herum ist plötzlich so ein Ikarus-Gefühl – das ist ein solches Erlebnis, als wenn Sie als Motorradfahrer eine BMW mit 240 über die Strecke bringen."

Sein Ikarus-Gefühl möchte der rüstige General nun an die Jugend weitergeben. "Verständnis und Aufgeschlossenheit für die Luftwaffe und ihren Auftrag zu fördern", nennt die Satzung seines Freundeskreises als erstes Ziel. Auch soll "über die Bedeutung der zivilen und militärischen Luftfahrt für Wissenschaft, Technik, Verkehr und Sport" informiert und so das "Interesse an der Luftfahrt" geweckt werden. 250 Mitglieder haben sich dem schon verschrieben, "vom Schüler bis zum Direktor". Alle Arbeit wird ehrenamtlich, "privat abends zu Hause gemacht". Der Zulauf ist beträchtlich: "In München ist es sogar ein dicker General, ‚a. D.‘ natürlich, der sagt: ‚Ich ziehe das hier auf’; im Norden ist es wieder eine ‚Aero‘-Club-Fluggemeinschaft." Generalmajor a. D. Gerhard Kerscher hat also allen Grund zur Freude, "daß man nicht ganz auf unfruchtbaren Boden fällt – schließlich, mit 69 noch das Gesicht zu riskieren, das habe ich gar nicht nötig".

Einen Wermutstropfen aber haben ihm nun gegnerische Kräfte ins fliegerische Lebenselixier geschüttet. Ende Juni wollte sein Freundeskreis mit einer spektakulären Sache ans Licht der Öffentlichkeit treten. Zwanzig Jugendliche sollten auf dem Bundeswehr-Stützpunkt Nörvenich bei Köln mit einer "Schnüffelausbildung" an die bundesdeutsche Luftwaffe herangeführt werden. 14 Tage lang, so die Planung, sollten die jungen Leute nicht nur eine "fliegertheoretische Ausbildung" bekommen und Luftwaffeneinrichtungen intensiv kennenlernen, sondern auch "Übungsflüge auf Motorseglern und Segelflugzeugen machen. "Luftwaffe zum Anfassen" sah dieser "Feldversuch" vor, inklusive folgender "Grobinhalte": "Geschwaderorganisation, -auftrag; Besichtigung des vom Geschwader betriebenen Waffensystems; Besichtigung von Einrichtungen wie Kontrollturm, Radarkontrolle, evtl. Teilnahme am Nachtflugbetrieb; Feuerwehrübung der Flugplatzfeuerwehr; Organisation der Bodenverteidigung; Organisation der Logistik; Werftbetrieb; evtl. Mitflug in DO 28 und/oder UH 1-D; Simulatoreinrichtung; Vorführung von Filmen und Videos."

Das Alter der Teilnehmer sollte vorerst auf 14 bis 18 Jahre beschränkt sein, "um Einverständnis der Eltern sicherzustellen und bei Gelingen Wirksamkeit der Mundpropaganda sowie zusätzliche Einflußnahme der Eltern zu verstärken", wie es das Protokoll der Konzeptions-Sitzung des "Beirates Ausbildung" im Freundeskreis wiedergibt. Die Bundeswehr erklärte sich bereit, "Personal, Unterkunft, Verpflegung, Fluggelände, Hallenraum, Unterricht und Sozialräume" zu stellen. Die Übungsflugzeuge wollten zu günstigen Konditionen der Deutsche "Aero"-Club und eine private Firma beisteuern.