Sie ist klein, aber sie ist nicht zu übersehen. Sie benutzt ihre Stimme wie ein Instrument. Sie verfügt über den Raum, der sie umgibt, als sei er ein Teil von ihr. Sie gehört zu den bekanntesten Frauen der Bundesrepublik, und ihr Lebenslauf ist so, wie man es von einem Star erwartet: gut in der Schule, gut als Schauspielschülerin von Lucie Höflich in Berlin – und dann sofort der Weg zum Erfolg. In ihrer offiziellen Vita werden die Jahre von 33 bis 45 übersprungen. Jahre, in denen Kollegen sich weigerten, neben der jüdischen Schauspielerin aufzutreten, in denen Inge Meysel nicht heiraten konnte, wen sie wollte, Berufsverbot bekam, in denen der Vater versteckt im Untergrund leben mußte. Die Meysel wurde, was andere unverwüstlich nannten. Sie hatte zu lange "schizophren", wie sie es nennt, reagieren müssen, um nicht Mittel suchen zu müssen, die ihr den Ausgleich ermöglichten. Sie ist provokativ, streitbar, aber meist für andere, schläft sich sofort auf die Seite der Benachteiligten, hilft anderen, "denen es nicht gut geht".

Die Zahl ihrer TV-Produktionen hat unterdessen fast die ihrer Lebensjahre erreicht. Sie ist leidenschaftliche Schauspielerin, ein Profi durch und durch. Sie ist sicher gewitzter und intelligenter als die meisten, mit denen sie arbeiten muß, und das macht sie bei manchen unbeliebt. Jeder im Lande meint sie zu kennen, weil er sie immer wieder auf dem Bildschirm trifft: in Stücken von Shakespeare und Hauptmann, von Molière und Ibsen, für die ihr Friedrich Luft das Prädikat Volksschauspielerin zugeschrieben hat. Und sie spielt ihre Rollen so gut, so viel besser als das andere Fernsehpersonal von Politikern bis zu Nachrichtensprechern, daß die Zuschauer ihr am meisten glauben und ihr besonders die Rollen als wirklichste Wirklichkeit abnehmen, in denen die Meysel Frauen spielt, die sich mit einem offenbar weit verbreiteten Traum decken: mit dem Traum von Charlie Chaplins Schwester: eine Niemandin, aber mit Herz und Schnauze, die hartnäckig darauf besteht, daß in jedem menschlichen Wesen die Kraft und der Mut stecken, auch der Mutterwitz, mit denen man zumindest auftrumpfen kann, vielleicht aber sogar die Großen an die Vernunft erinnern kann, auf der unsere Lebensordnung eigentlich beruht.

Die Skepsis, die Inge Meysels ausdrucksfähiges Gesicht in diesen Rollen zeigt, wird gern übersehen. Sie soll sein, wie es sich die Zuschauer wünschen: Mensch in einer überschaubaren Welt, in der die Spur von unsern Erdentagen eben nicht ganz verweht, und vor allem: in der einem eine – energisch, aber liebevoll – sagt, was man tun soll. Mehr Mary Poppins als Mutter der Nation: und das ist die Bezeichnung, die Inge Meysel ärgert. Nicht weil sie nicht Mütter spielen will, sondern weil sie darin die Oberflächlichkeit spürt, die sie sich selbst nie gestatten würde.

Zu ihrem 75. Geburtstag am 30. Mai wünschte sie sich die Wiederholung des Fernsehspiels von Thomas Wolfe "Schau heimwärts, Engel", für das ihr verstorbener Mann John Olden die Regie geführt hatte. Das Fernsehen machte ihr, unverbesserlich, "Die Unverbesserlichen" zum Geschenk.

sy.