Von Raissa Orlowa

In den vergangenen zehn Jahren hat jedes neue Buch von Vladimir Makanin in der sowjetischen Presse Streit hervorgerufen. Ein Kritiker glaubt, daß "zugunsten einer Wahrung der Sauberkeit des Experiments aus der Welt der Helden Makanins allein schon die Vorstellung von höheren Werten entfernt wurde: Gewissen, Treue und Ehre, Solidarität und Pflichtbewußtsein". Ein anderer Kritiker behauptet: daß Makanin "die Menschen so nimmt, wie sie sind, der Schriftsteller ist kein bevollmächtigter Apostel, der nur Auserwählte ins Paradies läßt... Menschen als Menschen, das ist keinesfalls ein Verzicht auf sittliche Entschiedenheit, sondern das Wissen um menschliche Kompliziertheit".

Makanins Bücher können Grundlagen liefern sowohl für die eine als auch für die andere Auffassung.

Er hat eine besondere Welt geschaffen. Die Komponenten dieser Welt sind: die gelben Berge des Urals. Jugendzeit im Kriege in der Baracke. Zustand als Waise. Das Waisenhaus. Krankenzimmer. Einige konstante Charaktere, die nur etwas variieren, wiederholen sich: der Jüngling aus dem Uralstädtchen, der sich in Moskau verliert oder eine Stellung oder gar Ruhm gewinnt. Der aber etwas Bedeutendes verliert: seine Seele. Eine sanfte, äußerlich stille Frau, die sich jedoch einen starken Mann gefügig macht.

Die sich wiederholenden moralischen Kollisionen: wenn du im Leben Glück hast, so bedeutet es, daß es einem anderen genommen wird. Einer kann nur Erfolg haben auf Kosten eines anderen.

Makanins Welt ist erfahrbar, aber die Erfahrbarkeit sichern nicht die oft schon bekannten Charaktere und nicht Situationen, die gleichfalls nicht selten dargelegt wurden. Der Tonfall sichert die Bestimmbarkeit, die Eigenart. Eine besondere, ständig ironische Wendung, eine nicht sofort bemerkbare Veränderung des Gewohnten, eine sachliche und stilistische.

Vladimir Makanin wurde 1937 in Orsk am Ural-Fluß geboren. Den ersten Roman, "Die Gerade", veröffentlichte er mit dreißig. Die Kritik rechnet seine Bücher zur sogenannten vierten Moskauer Schule, im Unterschied zur "dörflichen".