Umschulung statt Abfindung: Grundig hilft entlassenen Arbeitern

Der Gewerkschafter lobt den Firmenboß: „Herr Koning macht den Eindruck, daß er ernsthaft bereit ist, neue Wege zu beschreiten.“ Gerd Lobodda, erster Bevollmächtigter der Verwaltungsstelle Nürnberg der IG Metall, und der Gesamtbetriebsrat von Grundig in Fürth haben mit dem Vorstandschef Hermanus Koning eine Betriebsvereinbarung ausgehandelt, die nach Meinung Loboddas Vorbild für ähnliche Abkommen in der deutschen Metallindustrie sein könnte. Statt einfach einen Sozialplan durchzufechten, der festlegt, wieviel jeder je nach Alter und Betriebszugehörigkeit bekommt, der wegen Arbeitsmangel seinen Job verliert, hat man sich hier für einen „Beschäftigungsplan“ entschieden.

Als im Februar bekannt wurde, daß Grundig allein in Nordbayern mit den Schwerpunkten Nürnberg und Fürth 2570 Grundig-Mitarbeitern kündigen muß, um aus den roten Zahlen zu kommen, da war Lobodda alarmiert. „So kann es doch nicht weitergehen, daß immer mehr Arbeitsplätze einfach verlorengehen“, klagte er. In der metallverarbeitenden Industrie waren es rund 220 000 in den letzten fünf Jahren. Besonders schlimm traf es die Unterhaltungselektronik: die Zahl der Beschäftigten schrumpfte dort von 154 000 auf 109 000. Zudem wollte Lobodda, wie er es sah, „die Pläne des Philips-Konzerns durchkreuzen, Grundig zur verlängerten Werkbank zu machen“ – also die Eigenständigkeit der Fürther zu beschneiden.

Der Mann, den die neuen holländischen Herren des Unternehmens nach dem Rückzug Max Grundigs in die Chefetage in der Fürther Kurgartenstraße geschickt hatten, Sanierer Hermanus Koning, war zunächst nicht besonders begeistert, daß sich die Gewerkschaft so vehement querlegte.

Aber Grundig ist ja nicht ein Unternehmen wie jedes andere. Max Grundig fühlte sich Jahrzehnte lang als eine Art Symbolfigur des Wirtschaftswunders, Kampfgefährte Ludwig Erhards im Dienste der sozialen Marktwirtschaft. Da wirkte sein Abgang besonders deprimierend. Der Gewerkschafter Lobodda spürte, daß er hier eine Chance hatte wie kaum woanders. Er nutzte sie. Schließlich stimmte auch Koning zu: „Das kommt uns zwar teuer zu stehen, aber wenn wir uns dadurch Ärger ersparen, wollen wir’s versuchen.“

So kam eine Betriebsvereinbarung zustande, die mit dem gesetzlich festgelegten Interessenausgleich bei Betriebsveränderungen einen Beschäftigungsplan kombinierte. Die Vereinbarung bekräftigt, daß „tiefgreifende Umstrukturierungsmaßnahmen“ erforderlich sind, um den schwer angeschlagenen Grundig-Konzern wieder rentabel zu machen. Gleichzeitig sollen jedoch Standorte, Entwicklungskapazität, Fertigungstiefe und Ausbildungskapazität nach Möglichkeit erhalten bleiben.

Dazu greift der Beschäftigungsplan weit über das eigene Unternehmen hinaus, auch wenn die Weiterbildung innerhalb der Betriebe Vorrang hat. Grundsätzlich muß jedem, der von der Betriebsänderung betroffen ist, eine Möglichkeit zur Weiterbildung angeboten werden. Arbeitsdirektor Alexander Koch schätzt, daß etwa 50 bis 60 der Betroffenen die Chance haben, sich innerhalb des Betriebs für qualifiziertere Positionen weiterzubilden, vor allem für elektronische Steuerungs- und Regeltechniken sowie computergestütztes Entwerfen und Produzieren. Lobodda meint sogar, man fände hierfür 150 oder mehr Interessenten, die dann später im Hause weiterbeschäftigt werden können. Diese interne Weiterbildung wird voll vom Unternehmen bezahlt.