Am Bahnhof von Rambouillet habe ich mir ein Rad gemietet und fahre nun abseits der großen Straßen durch den stillen Eichenwald. Ab und zu erschrecken mich Rennradler, die bei ihrem Morgentraining in Rudeln an mir vorbeiflitzen. Etwas entfernt auf einem breiten Sandweg galoppieren Reiter. Nach rund zwölf Kilometern, auf einer Anhöhe, mache ich eine Pause und setze mich in die Sonne, die durch die Blätter der Bäume feine Muster ins Gras zeichnet.

Bis Montfort-l’Amaury sind es noch knapp fünf Kilometer. In diesem winzigen alten Städtchen, 60 Kilometer südwestlich von Paris, hatte sich Maurice Ravel 1920 die kleine Villa "Le Belvedere" gekauft, um zurückgezogen, abseits vom mondänen Trubel der Weltstadt, in Ruhe arbeiten zu können. Nur wenige durften ihn hier besuchen. Sechzehn Jahre verbrachte der Komponist in diesem schmalen Haus, das nach seinen eigenen Entwürfen umgebaut worden war und dessen Wände er selbst angestrichen hatte. Heute gehört "Le Belvedère" der Stadt und wird von Madame und Mademoiselle Merlin betreut. "Führung ab 14.30 Uhr" steht auf dem kleinen Pappschild an der Eingangstür.

Ich habe Glück, ich bin die einzige Besucherin an diesem Nachmittag, die in das geheime Reich von Ravel eindringt, das er zu seinen Lebzeiten so sehr vor fremden Augen geschützt hatte. Colette durfte kommen, um an "L’enfant et les sortilèges mitzuarbeiten. Der berühmte Gershwin dagegen wurde nicht empfangen.

Alles ist noch so wie damals. Sehr klein und sehr dunkel. Ravel liebte Schwarz. Vom Vestibül betritt man das Eßzimmer mit seinen Vitrinen. Daneben in der winzigen Bibliothek stehen die Bücher mit den Lederrücken noch genau so, wie er sie in die Regale geordnet hat. Auch das Grammophon, mit dem er seine Platten anhörte, blieb am gleichen Platz. Im Arbeitszimmer sind sein Flügel zu sehen, sein niedriger kleiner Schreibtisch und die vielen Nippes, die er sein Leben lang gesammelt hat. Die viel getragene Hornbrille liegt noch immer ordentlich in dem Futteral neben den Notenblättern.

Am Ende des Gangs, durch die Küche hindurch und über eine enge, gewundene Treppe, gelangt man hinunter in das Schlafzimmer mit dem Baldachinbett. Dabei erzählt Madame Merlin, daß der Meister an großer Schlaflosigkeit gelitten hat. Im Badezimmer mit Zinkbadewanne, Dusche, selbstentworfenem schwarzweißem Schachbrett-Badeteppich sind auf der hellen Kommode die Nagelscheren und Nagelreiniger sorgfältig aufgereiht...

Auf der Rückfahrt durch den stillen Wald komme ich mir ein bißchen wie ein Voyeur vor, der uneingeladen Geliebtes neugierig betrachtet hat. Zum Trost stülpe ich mit den Walkman auf die Ohren, höre das Konzert für Klavier und Orchester in G-Dur und hoffe, daß mir verziehen wird.

Maison Maurice Ravel, Rue Maurice Ravel, F-78490 Montfort-l’Amaury. Geöffnet Montag, Mittwoch, Donnerstag von 14.30 bis 17.30 Uhr, Samstag und Sonntag auch vormittags von 9 bis 11.30 Uhr.

Reneé Falcke