Die ungeschriebenen Gesetze des Magazins werden gewöhnlich eisenhart eingehalten. Doch kürzlich machte Arnold Relman, Chefredakteur des angesehenen New England Journal of Medicine‚ eine Ausnahme von der Gepflogenheit, erst die vollständigen Ergebnisse medizinischer Studien abzuwarten, bevor darüber im führenden amerikanischen Fachblatt zu lesen ist.

Die Ausnahme galt den vorläufigen Ergebnissen der Herzinfarkt-Studie Thrombolyse in Myocardial Infarction (kurz TIMI genannt; "Gerinnselauflösung bei Herzinfarkten"). Die Untersuchung zeigt, wie Relman in einem Leitartikel am 4. April betonte, zum ersten Mal den Weg zu einer ursächlichen Behandlung des frischen Herzinfarktes: "Deshalb ist dieser hoffnungsvolle, aber vorläufige Bericht der TIMI-Studiengruppe so wichtig."

Die TIMI-Studie weist nach, daß eine neuentdeckte körpereigene Substanz, der "Gewebe-Plasminogen-Aktivator" frische Thromben (Gerinnsel) in Herzkranzgefäßen nach einfacher und kurzfristiger Zufuhr über das Venensystem wirksam aufzulösen vermag – so wirksam, daß Fachleute sich davon eine Revolution der Herzinfarktbehandlung versprechen.

Gerinnsel können arteriosklerotisch eingeengte Herzkranzgefäße plötzlich verschließen. Sie sind in der Regel verantwortlich für den Herzinfarkt (in seltenen Fällen kann auch einmal ein Gefäßkrampf die Ursache sein).

Verstopft ein Herzkranzgefäß, wird der damit versorgte Herzmuskelbezirk von der Sauerstoffzufuhr abgeschnitten – mit fatalen Folgen: das Gewebe verliert unmittelbar danach seine Fähigkeit zur Kontraktion (also zu "schlagen"). Der endgültige Gewebeuntergang (Nekrose) zieht sich jedoch offenbar über mehrere Stunden hin. Vom Ausmaß des Gewebeunterganges hängt die Prognose ab: mit 25 Prozent Verlust kann der Patient – wenn auch eingeschränkt – weiterleben. Ein fünfzigprozentiger Verlust jedoch endet tödlich, wie der Bostoner Professor Eugene Braunwald betont, der Leiter der TIMI-Studie.

Auf der Suche nach einer Kausalbehandlung konzentrieren sich die Forscher deshalb darauf, innerhalb der ersten Stunden – also vor dem endgültigen Untergang des Gewebes – die Verstopfung des Gefäßes zu beseitigen. Sie suchen daher intensiv nach Substanzen, die in der Lage sind, wirksam und möglichst risikoarm Thromben aufzulösen.

Als potenteste Substanz gilt derzeit der Gewebe-Plasminogen-Aktivator. Er wird vom menschlichen Körper in geringen Mengen gebildet. Seit 1983 kann die seltene Substanz dank gentechnischer Verfahren in größeren Mengen gewonnen und nun klinisch erprobt werden.