Das Piano feiert ein heimliches Comeback

Von Matthias Horx

Die Nachkriegsgeschichte jenes meist schwarzlackierten Möbelstückes beginnt, sagen wir, in einem Berliner Trümmerhaus. Dort steht es, dem Regen ausgesetzt, deutlich sichtbar unter dem schiefen Hochzeitsphoto; eine Wand ist heruntergebombt. In den Ruinen suchen die Menschen nach Brennbarem, die Winter sind gottserbärmlich kalt. Aber seltsam: Wo alles bis zum Barock-Vertiko zu Kleinholz gemacht wird – das Klavier bleibt unbehelligt. Nicht nur, weil es voller Saiten und Eisen steckt. Es ist ein Respektgegenstand. Ein Symbol.

Irgendwann wird es gerettet und erhält, in einer neuen guten Stube, wieder einen Platz. Doch nur selten spielt die Tochter eine zaghafte Etüde, die Wände und die Familienbande sind dünn geworden. Man hat keine Zeit, muß Karriere, Wirtschaftswunder machen, Familien, kleine, aufbauen. Man hört Platten und Radio und geht bald wieder tanzen. Die Mutter denkt manchmal wehmütig an die früheren Hausmusikabende, aber dann legt sie eine Spitzendecke darauf. Nein, verstauben wird es nicht, poliert und glänzend bleibt es – als Ablage.

In den sechziger Jahren gerät das gute Stück dann immer mehr in Vergessenheit, das Klavier verschwindet, obwohl es nach wie vor dort steht. Anfang der Siebziger zieht die Mutter in ein Altersheim, eine Kleinanzeige erscheint: "Klavier für Selbstabholer, 50 Mark". Ein junger Mann, Student, angetan von Bart, Blues und Beat, erwirbt das gute Stück, er träumt von einer Boogie-Woogie-Band. Es wird nichts daraus, und unser Student siedelt in einer Wohngemeinschaft, wo bald diese, bald jener auf den Tasten hämmert. Gegen Ende des Jahrzehnts ist das Instrument hoffnungslos verstimmt, das Möbel übel zugerichtet, dann hat einer den Schlüssel für die Abdeckhaube verloren.

So etwa könnte der stille Niedergang eines Instrumentes aussehen, das gleichzeitig ein Kulturmöbel ist. Heute stehen noch immerhin zwei Millionen Klaviere und Flügel in den bundesdeutschen Haushalten. Warten sie darauf, daß der Sperrmüll sich erbarmt? Dienen sie allesamt als Vasenständer?

Eines Tages dankbar