Zwischen Spitzweg-Milieu und Kernkraftwerk

Von Marlies Menge

Ein ehemaliger Stendaler, der heute in der Bundesrepublik lebt, schrieb an die ZEIT, er habe gehört, durch sein schönes altes Stendal sollten zwei Verbindungsstraßen – vom Neubaugebiet im Süden zum Kernkraftwerk im Norden – gebaut und dafür historische Gebäude abgerissen werden – ob wir mal in der DDR nachfragen könnten? Ich kenne Stendal, die "Perle der Altmark", war schon durch das alte Stadtzentrum gelaufen, das im Krieg kaum beschädigt worden ist. Eine 800 Jahre alte Stadt, mit vier spätromanischen und spätgotischen Stadtkirchen, zwei davon berühmt durch ihre Buntglasfenster, mit mittelalterlichen Stadttoren, zum Teil erhaltenen Wehranlagen, Fachwerkhäusern aus dem 18. und 19. Jahrhundert.

Joachim Kohlmann, Direktor des Altmärkischen Museums, ist zugleich Kreisbeauftragter für Denkmalpflege. Auf seinem Tisch breitet er den Stadtplan aus und erklärt mir, wie die Stadt sich gebildet hat, aus dem alten Dorf, dem Markt mit der Kaufmannssiedlung, dem Wall: "Im Stadtgrundriß ist nichts geändert worden." Nur der Fernverkehr wurde um die Stadt herumgelegt. Nein, von Durchgangsstraßen durch die Stadt weiß er nichts, will er auch nichts wissen: "Wir können den Fernverkehr gar nicht durch die Stadt legen. Hier ist doch Sumpfgebiet. Ich weiß noch, wie das Straßenpflaster vibrierte, wenn ich früher an der Bushaltestelle stand und ein Lastwagen fuhr vorbei."

Kohlmann bringt mich zur Breiten Straße, der Hauptstraße Stendals, zur Marienkirche, dem Winckelmannplatz mit dem Denkmal des berühmtesten Sohnes der Stadt, des Archäologen und Kunstwissenschaftlers Johann Joachim Winckelmann. Zwischen manchen Häusern sind Baulücken, dort wurden schon alte Häuser abgerissen. Ein Fachwerkgebäude sieht sehr unbewohnt aus. Muß es auch dran glauben? "Das ist nicht gesagt", meint Herr Kohlmann, "aber wir können nicht jedes Haus retten, nur weil es Fachwerk und aus dem 18. Jahrhundert ist." Für manche Häuser kommt jede Hilfe zu spät. Man hätte sich viel früher um ihre Rekonstruktion kümmern müssen. Aber da wurden erst mal die Neubauviertel am Rande der Stadt hochgezogen. Das erste war 1965 fertig, das nächste soll bis 1986 10 000 Wohnungen für 27 000 Bewohner bieten, vor allem für Erbauer und Betreiber des Kernkraftwerkes, das Anfang der 90er Jahre stufenweise in Betrieb genommen werden soll. Ein drittes Projekt mit 2800 Wohnungen soll 1990 fertig sein.

Doch endlich wird auch die Rekonstruktion der Innenstadt in Angriff genommen. Die Breite Straße hat bereits restaurierte Fassaden, eingerüstete Häuser; in einem Fachwerkgebäude nahe der Jacobikirche werden Gefache neu ausgemauert. Die kleinen, ebenerdigen Fachwerkhäuser im Uppstall sind in Privatbesitz und nicht denkmalgeschützt. "Wenn die Leute rausmüssen – das kann der Rat der Stadt bestimmen –, werden sie entschädigt", sagt Joachim Kohlmann. Das Uenglinger Tor wird gerade restauriert. Es steht auf der Zentralen Denkmalsliste der DDR, ebenso wie die vier Kirchen und das gesamte Marktplatz-Ensemble, mit Rathaus und Roland davor. Die Häuser, die am Markt vor kurzem völlig abgerissen wurden, werden originalgetreu wieder aufgebaut.

Verschlissene Bausubstanz