Von Christoph Bertram

Reykjavik, Ende Mai

Bleiben die Jungen oder werden sie von besseren Arbeitsmöglichkeiten ins Ausland gelockt? Bei einem kleinen Land geht es, wenn die Wirtschaft stagniert, immer gleich um die Zukunft überhaupt. Island – 240 000 Einwohner, selbständig seit 1944, Gründungsmitglied der Nato und lange Jahre unter den Anführern der internationalen Tabelle privaten Wohlstandes – macht sich Sorgen, wie es auf die Dauer weitergehen soll.

Auf den ersten Blick scheint dazu wenig Anlaß. An den leuchtenden, langen Mai-Abenden sind die schicken Restaurants der Hauptstadt Reykjavik überfüllt. In den Vororten wird kräftig gebaut. Die jüngsten Modelle von Saab und Volvo, Range Rover und Mercedes rollen vorüber. Die Auslagen der Geschäfte locken mit fescher, internationaler Mode; Kreditkarten werden jederzeit gern akzeptiert. Enten und Schwäne tummeln sich auf dem Teich in der Stadtmitte, und die einst von einem wohlhabenden amerikanischen Botschafter der Nation zum Abschied geschenkte Fontäne stößt ihre Wasserstrahlen zuversichtlich in den klaren Himmel.

Auf den zweiten Blick jedoch wird deutlich, daß die Zuversicht nur oberflächlich ist. Island steht, wie andere Länder der westlichen Welt auch, am Ende einer langen Periode wirtschaftlichen Wohlergehens, die so nicht fortdauern kann. Die Zukunft verlangt neue Rezepte und die Anpassung an neue Realitäten, auch den Abschied von liebgewordenen Gewohnheiten. In dem kleinen Land erhalten die Probleme, die auch die der Großen sind, wie unter einem Brennglas überscharfe Konturen. Die Frage, die fast alle Länder des Westens betrifft, stellt sich hier mit banger Deutlichkeit: Wird die enggeknüpfte, auf Solidarität und Gleichheit gebaute Gesellschaft des Landes den Anpassungsprozeß unbeschadet überstehen?

Reich war das Land der Vulkane und Geysire, dessen hunderttausend Quadratkilometer (das Zweieinhalbfache der Schweiz) nur zu einem Prozent voll genutzt werden können, noch nie in seiner Geschichte. Aber was die Natur ihm dennoch bot – vor allem die üppigen Fischgründe –, nahmen seine Bürger mit Fleiß, Einfallsreichtum und Energie wahr. Noch heute liegt die durchschnittliche Wochenarbeitszeit bei über 50 Stunden, Arbeitslosigkeit ist praktisch unbekannt. Die privaten Einkommen waren nicht üppig, aber ausreichend und vor allem auf mehr oder minder gleichem Niveau: Ein Facharbeiter in der Fischindustrie kann, berichtet der Gewerkschaftsboß Asmundur Stefansson, noch immer mehr verdienen als mancher Akademiker.

Aber sie lebten auch alle über ihre Verhältnisse. Die unvermeidlichen Konjunkturschwankungen versuchten die Isländer durch Pump, Inflation und Abwertung der Landeswährung aufzufangen. Das ging lange auch erstaunlich gut – bis der Krug überlief. Die Inflation hielt sich nicht brav an der 20-Prozent-Marke, sondern schoß in der Wirtschaftskrise 1982 kurzfristig auf über 160 Prozent hinauf. Die Auslandsverschuldung hat inzwischen einen Betrag in Höhe von 64 Prozent des Bruttosozialproduktes erreicht. Das erinnert an lateinamerikanische Verhältnisse. "Wir hatten Glück", meint trocken ein Fachmann der Zentralbank, "wegen unserer Hautfarbe wurden wir nicht dem lateinamerikanischen Schuldner-Club, sondern dem nordeuropäischen zugerechnet."