"...ob nicht der Geschichte unseres Volkes das Bett von der Sprache her stärker aufgeschüttelt werden könnte..."

Jacob Grimm, 1848

Ein Grimm, zwei Grimm, drei Grimm. Grimm, wohin man blickt. Die in der Anordnung von Bildern und Texten hervorragend gearbeiteten Plakate und Schrifttafeln versetzen – mit Untergrund oder Schriftzügen in hellem Rot – die etwas verschlafene Stadt Kassel in ein schönes Literatur- und Kunst-Fieber – ganz ohne documenta. "200 Jahre Brüder Grimm" – so locken Bilder und Texte ins "Museum Fridericianum".

Grimm? Die kennen wir. Sind das nicht die "Gebrüder Grimm"? Nichts da von biedermeierlichem "Gebrüder". Nichts vom heimelig rauschenden Wald deutscher "Sagen". Nichts von der zum "Disney-Land" heruntergekommenen Welt altdeutscher "Märchen". Jacob und Wilhelm Grimm sind – endlich – zu entdecken als bisher wenig erforschte Schriftsteller und politische Köpfe.

Schönste Überraschung: ihr jüngster Bruder, Ludwig Emil, den die manchmal deutschtümelnden, auf welsches Unwesen schnaubenden Brüder gemütlich "Louis" nennen – dieser deutsche Louis wird, endlich, nicht mehr nur als Familienchronist und "Photograph mit dem Zeichenstift" vorgestellt, sondern auch als wenig bekannter, mit wieder entdeckten Bildern neu zu sehender, romantischer Maler und Zeichner eigener Kraft.

Weshalb drängt sich beim Gang durch die Ausstellungen nahe der "Zonengrenze" die Erinnerung an eine der ersten Begegnungen von Politikern beider deutscher Staaten auf? Hier in Kassel, wo die beiden Willys, Brandt und Stoph, versucht haben, die beiden Deutschländer ein wenig aneinanderzurücken, hat mehr als dreißig Jahre lang ein Sprachforscher gelebt, der auch Abgeordneter im ersten deutschen Parlament war, der Nationalversammlung in der Frankfurter Paulskirche. Jacob Grimm (1785-1863) hat als Wissenschaftler in einem Deutschland, das in Kleinstaaten zersplittert war, Worte gesagt, zu denen die im geteilten Deutschland heute herrschenden Politiker nur nicken können: "Unsere Sprache ist auch unsere Geschichte ... Was haben wir denn Gemeinsameres als unsere Sprache und Literatur?"

Jacob Grimm saß vom 24. Mai bis zum 2. Oktober 1848 als Mitglied der "Deutschen constituirenden Nationalversammlung" im Mittelgang des Paulskirchenparlaments, zwischen den festen Bänken. Dort hat er, mit klecksendem Gänsekiel, auf einem Zettel den Entwurf zu einem Antrag für den Paragraphen 1 der Grundrechte des deutschen Volkes gekritzelt: "Das deutsche Volk ist ein Volk von Freien und deutscher Boden duldet keine Knechtschaft. Fremde Unfreie, die auf ihm verweilen, macht er frei." Der Antrag wurde, 205 gegen 195 Stimmen, abgelehnt. Aber weshalb müssen wir in eine Jahrhundertausstellung gehen, um diese beiden Sätze kennenzulernen, deren dichterische Kraft und Kürze manches geschwätzige Gedicht aus Schullesebüchern verdrängen sollte?