Von Ulrich Schiller

Washington‚ im Juni

Wenn die "U.S.S. Alaska" im September zu ihrer Jungfernfahrt in See sticht, wird dieses siebte amerikanische Trident-Unterseeboot nicht nur mit 24 Raketen, sondern auch mit brisanten politischen Problemen befrachtet sein: Entweder werden die Vereinigten Staaten mit der "Alaska"-Testreise in voller Absicht das Salt II-Abkommen durchbrechen oder sie werden, um dies zu vermeiden, gleichzeitig eines ihrer älteren, aber leistungsfähigen Poseidon-Unterseeboote mit 16 Raketen oder alternativ 14 landgestützte Minuteman III-Raketen verschrotten.

Zwölfhundert land- und seegestützte Interkontinentalraketen mit Mehrfachsprengköpfen sind nach dem Salt II-Abkommen zulässig, die Indienststellung der "Alaska" würde das amerikanische Limit um 14 überschreiten. Es wäre freilich auch denkbar, daß das siebte Trident-U-Boot erst im Januar auf Hochsee-Erprobung geschickt wird; dann ist Salt II ausgelaufen und Amerika wäre an gar nichts mehr gebunden. Eine weitere Empfehlung des Pentagon: ein Poseidon-U-Boot auf Dock zu nehmen und mit dieser Zwischenlösung abzuwarten.

Auch die US-Luftwaffe stößt noch in diesem Jahr an eine der Salt-Schallmauern: Im Juli beginnt die Umrüstung von 96 B 52-Fernbombern der H-Serie auf den Transport von Marschflugkörpern. Wenn das Umrüstungsprogramm nicht bei 30 Maschinen gestoppt wird, ist Salt II in einem weiteren Bereich durchbrochen.

Was lange Zeit als Frage gehandelt werden konnte, wie weit schwerer nachweisbare Verstöße der Sowjetunion gegen den Salt II-Vertrag das bisher wichtigste, wenngleich nie rechtskräftig gewordene Rüstungskontrollabkommen der Großmächte überhaupt noch relevant erscheinen lassen, das hat plötzlich auf amerikanischer Seite höchste Dringlichkeit bekommen. Sollen die Vereinbarungen des nicht ratifizierten, auf den 31. Dezember 1985 terminierten Salt II-Abkommens weiter respektiert werden? Wenn ja, in welcher Form und zu welchen Bedingungen? Oder sollen die Vereinigten Staaten im Namen der Modernisierung ihrer strategischen Waffen und in der vagen Hoffnung auf Neuverhandlungen Salt fallen lassen?

Seit Wochen liefern sich die Protagonisten der beiden Lager erbitterte Gefechte. Für die konservative Heritage Foundation schreibt James Hackett: "Sechs Jahre, nachdem die Senatsdebatte die fatalen Mängel des Vertrages bloßgestellt hat, kann nicht zugelassen werden, daß Salt II das bitter nötige Modernisierungsprogramm einschränkt ... Die sowjetischen Verstöße gegen Salt II geben dem Präsidenten einen legitimen Grund, zu erklären, daß er die einseitige Einhaltung des Vertrages beenden muß ..." Für die Lobby der Rüstungskontrollanhänger andererseits erklärt Admiral a. D. Eugene Carroll vom Center for Defense Information, der Kongreß sei aufgerufen, Vernunft "zu verordnen" und zu verhindern, "daß eine der letzten Schranken eines ungehemmten nuklearen Wettrüstens niedergerissen wird".