Von Joachim Nawrocki

Vor genau vierzig Jahren wurde die West-Berliner Wirtschaft demontiert. Die Rote Armee hatte Anfang Mai 1945 Berlin besetzt. Am 4. Juli begannen die Westmächte, ihre Sektoren in Berlin zu übernehmen. Die Sowjets hatten so knapp zwei Monate Zeit, die West-Berliner Fabrikhallen und Büroräume auszuräumen.

Sie leisteten gründliche Arbeit: Die Kapazität der Berliner Industrieanlagen war nach dem Krieg um drei Viertel reduziert, In manchen Bereichen, wie im Maschinenbau und der Metallwarenindustrie, betrug der Verlust nahezu hundert Prozent. Und nur der geringe Teil war Kriegszerstörung.

Häufig blieben nur größere oder fest montierte Anlagen zurück, wie Schmelzöfen oder Rotationsmaschinen, die in der Eile nicht abgebaut werden konnten. Bewegliches wurde nach Osten abtransportiert – selbst Telephone, Schreibmaschinen und Registrierkassen. Ebenso gingen nahezu sämtliche Roh-, Hilfs- und Betriebsstoffe verloren, was nicht nur die Wiederankurbelung der Produktion erheblich erschwerte, sondern auch die Finanzkraft der Betriebe endgültig ruinierte. Sie hatten oft buchstäblich nichts mehr – außer ihrer Erfahrung und einer engagierten, qualifizierten Facharbeiterschaft.

Trotzdem verlangte die sowjetische Besatzungsmacht nach dem Krieg, daß die wichtigsten Produktionen sofort wieder aufgenommen, die Versorgungs- und Verkehrsnetze repariert und die Straßen von Trümmern geräumt werden sollten. Das war nicht immer einfach: So gab es in ganz West-Berlin zum Beispiel nach den Demontagen nur noch acht Bagger und keinen einzigen Turmdrehkran.

Wilhelm Börner, der einstige Präsident der Industrie- und Handelskammer zu Berlin, erzählte vor etlichen Jahren, was er 1945 beim Pharmahersteller Schering erlebte: "Dann kam zu uns eine Besatzung von vierhundert Russen, die alles ausräumten ... In Westdeutschland ist auch demontiert worden, aber das sind vielleicht fünfzehn Prozent der Anlagen gewesen, in West-Berlin waren es zwischen 85 und 95 Prozent – es blieb uns nichts, kein Telephon, keine Schreibmaschine, auch von den Vorräten nichts. Das Erstaunliche war aber: Die Russen verlangten, daß wir produzieren sollten, weil es doch so unendlich viel Seuchen gab."

Bei Schering fing man damals an, Mittel gegen Krätze und Läuse zu fabrizieren. "Wir hatten tüchtige Leute und konnten sie nicht einmal bezahlen, denn alle Konten waren ja beschlagnahmt", erinnerte sich Borner. "Die Russen sagten: ‚Wenn ihr produziert, müßt ihr Maschinen haben.‘ Da sagten wir: ‚Wenn wir sie uns holen, nehmt ihr sie uns natürlich weg.‘ So passierte es, daß die alten Schering-Maschinen, die demontiert kaum mehr etwas wert waren, durch die eine Seite des Toreingangs hinausgefahren wurden, und neue aus Sachsen, die unsere Leute mit viel Mühe und guten Beziehungen beschafft hatten, durch die andere Seite hereinkamen. Die durften wir aufstellen."