ARD, Mittwoch, 12. Juni, 20.15 Uhr: "Hart an der Grenze", Fernsehspiel von Detlev Michel und Wolfgang Turnier (Regie)

Die Skandale um Flick, Guillaume oder Seveso liefern dem Fernsehen seine Stoffe. Nicht nur den politischen Redaktionen, neuerdings auch dem populären Fernsehspiel.

Politthriller und Wirtschaftskrimis scheinen derzeit in Mode zu sein. Nach Meichsners Zollfahnder-Reihe "Schwarz Rot Gold" gab es in den letzten Wochen mit "Verworrene Bilanzen", "Nebenwirkungen" oder "Streng vertraulich" gleich mehrere, qualitativ freilich sehr unterschiedliche Beispiele dieses Genres zu sehen, die stets von derselben Grundkonstellation ausgehen: Ahnungslos gerät der rechtschaffene Held, mal ist es ein Wirtschaftsprüfer, mal ein Top-Manager oder kleiner Vertreter, zwischen die korrupten Intrigen und Verflechtungen von Wirtschaft und Politik und muß zwangsläufig scheitern. So auch der Journalist Paul Otto in "Hart an der Grenze".

Die Kriminalgeschichte spielt vor dem Hintergrund der offiziellen großen Politik im Berlin des Jahres 1971, unmittelbar vor der Unterzeichnung des Viermächteabkommens. Während die Botschafter noch an dem genauen Vertragstext arbeiten, wird an der Berliner Mauer, wenige Meter im östlichen Sektor, eine Leiche gefunden.

Der Tote ist jedoch kein DDR-Flüchtling, sondern ein Ost-Agent, der den Briten in die Hände gefallen war und im Rahmen des Viermächteabkommens jetzt gegen sowjetische Dissidenten ausgetauscht werden sollte. Da der Fall das Zustandekommen des Vertrages zu gefährden droht, schalten die britischen Behörden ihren Geheimdienst ein, um die Leiche zu beseitigen und die Affäre zu vertuschen, insbesondere gegenüber dem Journalisten Paul.

Paul Otto, dessen große Zeit der spektakulären Flüchtlingsreportagen in den Nachkriegsjahren vorbei ist, wittert noch einmal eine große Geschichte. Dargestellt von Klaus Löwitsch entspricht er genau dem Idealtyp des rasenden Reporters, der weniger durch theoretische Einsichten als durch detektivischen Spürsinn und Unternehmungsgeist zur Wahrheit gelangt. "Ich hab’ nach dem Kriege angefangen", belehrt er eine Volontärin mit langer Mähne und Parka. "Da haben wir aus Nichts Zeitungen gemacht. Und jetzt kommen die Studierten. Den Beruf kann man nicht studieren."

Paul hat sich nicht nur mit der dunklen Allmacht von Politik und Geheimdienst auseinanderzusetzen, sondern auch mit seinem smarten Chefredakteur, der seine Informationsquellen aus Botschafterempfangen bezieht, wo zum politischen small talk Champus und Lachsbrötchen gereicht werden. Hier gerät Detlev Michels Krimi zu einem Exkurs über die Mechanismen von Öffentlichkeit, die verschiedenen Wahrheiten offizieller Presseerklärungen, redlich nichtssagender Fernsehkommentare oder spektakulär recherchierten Reportagen über ein Einzelschicksal.