Ministerpräsident Lothar Späth: viele Möglichkeiten, die Politik zu erproben

Von Hermann Rudolph

Die salvatorische Klausel fehlt nie. Wann immer in den Auseinandersetzungen über den Zustand der CDU und Kanzler Kohls politische Zukunft der Name Lothar Späth fällt, ist eine solche Erwähnung mit einem relativierenden "noch nicht" ausgestattet, das dartun soll, daß die Stunde des baden-württembergischen Ministerpräsidenten noch nicht geschlagen habe. Auch Späth selbst, der wahrlich in der Lage ist, sich zu ziemlich allen Themen freimütig zu äußern, wird einsilbig, wenn er darauf angesprochen wird, ob er Bonn im Karriere-Visier habe. Das sei, so bescheidet er Fragen schmallippig, kein Thema, das mit ihm zu erörtern sei.

Die Wirkung solcher Einsilbigkeit ist, wie meist, eher gegenteilig. Der Verdacht, daß Helmut Kohl in Späth ein Herausforderer heranwachse, hat sich fest an ihn geheftet. Das nordrhein-westfälische Desaster der CDU hat solche Spekulationen erst recht ins Kraut schießen lassen. Will Lothar Späth Bundeskanzler werden? Hält er sich bereit für den Fall, daß Kohl scheitert? Soll er gar jene Große Koalition führen, die immer wieder einmal als Allzweck-Problemlösung am politischen Horizont der Bundesrepublik auftaucht?

Die Spekulationen, die in diese Richtung gehen, müssen nicht viel bedeuten. Geredet wird in der Politik viel. Sie besteht, genau genommen, zum guten Teil daraus, und das Herumstochern im Nebel ist ein unverzichtbarer Teil davon – zumal dann, wenn, wie gegenwärtig in der Kanzlerpartei, Unmut und Verdruß wuchern. Bislang hat Späth keinen Zweifel daran gelassen, daß er loyal zu Kohl steht.

Er verkörpert Erwartungen

Immerhin belegen die Spekulationen, daß Späth inzwischen zum eisernen Bestand jener an einer Hand abzuzählender Figuren gehört, die zur politischen Führungsreserve der Bundesrepublik zählen. Der Mitt-Vierziger, dem jede Begabung zum Tribunen fehlt, in dessen jovialem Brillengesicht mit Geheimratsecken nur die glatte Oberlippe und der strenge Mund die Ahnung von Energie legen, ist zu einem der raren Namen geworden, die Erwartungen und Hoffnungen verkörpern. Wer über die Zukunft der Union nachdenkt, kommt an ihm nicht vorbei.