Während sich die Spätschäden in Bhopal häufen, beginnt das Feilschen um eine Entschädigung der Opfer

Von Jürgen Neffe

Der Totengräber sagt es einfach so dahin: "Ich habe eigenhändig über tausend Menschen bestattet." Wir gehen über eines der Massengräber zwischen den Elendsvierteln in Bhopal. Die Erde über den Gräbern der toten Muslims ist nachgesackt, die Asche der Hindu-Opfer längst in alle Winde verstreut. Der unselige Streit um die Zahl der Opfer der Giftgas-Katastrophe hält jedoch unvermindert an.

Was in der Nacht zum 3. Dezember 1984 in Bhopal geschah, war nicht einmal der GAU, der "Größte Anzunehmende Unfall" für ein Chemiewerk dieser Art. Des GAUs, dieser theoretischen Größe, bedienen sich Katastrophenexperten, um die Auswirkungen von Industrieunfällen abzuschätzen. Die indische Stadt aber erlebte den größten tatsächlich geschehenen Unfall der chemischen Industrie – eine Katastrophe von einem Ausmaß, wie man sie bis dahin nur aus Kriegszeiten kannte. Was in der computerunterstützten GAU-Kalkulation so leicht erscheint, hat sich in der rauhen Wirklichkeit als ungemein schwierig herausgestellt: die Ermittlung der Zahl der Opfer.

Der Wind stand ungünstig in jener Dezembernacht. Er trieb das aus einem Tank der Union Carbide India ausströmende Gas Methylisocyanat (MIC) Richtung Süden, mitten in die 800 000 Einwohner zählende Hauptstadt des indischen Bundesstaates Madhya Pradesh. Und das MIC verwandelte ein dichtbesiedeltes, 65 Quadratkilometer großes Areal in eine ungeheure Gaskammer.

Tausende kamen damals ums Leben, Zehntausende wurden verletzt. Die Bestandsaufnahme nach der Horrornacht jedoch mißlang vollkommen. Die Regierung von Madhya Pradesh ermittelte durch eine höchst fragwürdige Tür-zu-Tür-Befragung die Zahl von 1400 Todesopfern, an der sie bis heute festhält. Dabei wurde übersehen, daß viele Menschen in der betroffenen Gegend überhaupt keine Haustür besitzen, sondern im Freien kampieren, daß Ungezählte dem Gift auf der Flucht zum Opfer fielen.

Selbst die Zentralregierung in Neu-Delhi gibt inzwischen die Zahl 2500 zu. Experten des Indischen Rates für Medizinische Forschung sprechen von 5000 Toten. Viele Ärzte und die Hilfsorganisationen halten es sogar für möglich, daß die Katastrophe 10 000 Menschenleben forderte. Ramana Dhara von der Ärztegruppe "Medico Friends" sagt: "Das war Krieg. So etwas will ich nie wieder erleben." Die "Medico Friends" haben ihren Hauptsitz in Bangalore. Die Organisation "hilft, damit überhaupt etwas geschieht".