Von Manfred Sack

Da gibt es nun kein Ausweichen mehr: Die Bundesrepublik schenkt Berlin ein Museum für die deutsche Geschichte. Dreißig Millionen Mark – die Einstiegssumme, wie sie genannt wird – ist im neuen Haushalt schon dafür verzeichnet. Sobald der Standort festgelegt, die Institution gegründet ist, fließt rasch sehr viel mehr Geld. Amtlich ist nur von einem großen Betrag die Rede, inoffiziell von gleich zweihundert Millionen Mark. Denn das ist klar: Es wird, wie der Senat will, "kein kümmerliches kleines Museum werden, sondern ein stattliches Gebäude". Wenn es ganz und gar ein Neubau wird, soll es "den ganz hohen internationalen Anspruch erfüllen". Und um ein bißchen Druck zu machen, will Bundeskanzler Helmut Kohl in ein, zwei Wochen nach Berlin kommen und sich persönlich um sein Projekt kümmern. Mit dem Regierenden Bürgermeister, der seit der Wahl ein starker Mann geworden ist und vieles selbst in die Hand nimmt, wird er, wie falsch das auch wäre, einen Bauplatz finden. Vor der Sommerpause wird das Abgeordnetenhaus darüber befinden. 1987, zur 750-Jahr-Feier, soll der Grundstein gelegt werden.

Dreierlei Beobachtungen lassen sich dazu machen. Man erkennt erstens, daß die Wendepolitik in vollem Gang ist und am jetzigen Erfolgsort Berlin kräftig nachsetzt. Zweitens fährt der Berliner Senat unbeschadet all der vielen Einwände damit fort, im sogenannten Zentralen Bereich, dem wichtigen, aber immer noch ungefaßten Gebiet zwischen Landwehrkanal und Spreebogen, zwischen Nationalgalerie und Reichstag immer neue "goldene Eier" zu legen, immer neue solitäre Gebäude zu planen oder in eine Wüstenei zu setzen, ohne zu wissen, wie das Nest aussehen wird. Drittens bemerkt man, daß die erschütterndsten Geschichtsspuren der Nazizeit, nachdem sie beiseite geräumt worden waren, nun zielstrebig mit falschem Glanz überlagert zu werden drohen. Nein, Stadtbaupolitik in Berlin verrät keinen hauptstädtischen Geist.

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Niemand wird ernstlich etwas dagegen einzuwenden haben, daß uns Bürgern in Berlin unsere Geschichte vergegenwärtigt werden soll. Jahrelang ist sie beiseite geschoben worden. Ob man es die Werte- oder die Sinnkrise oder sonstwie nennt, ob diese Krise die Suche nach der nationalen Identität und den Wunsch nach nationalem Stolz hervorgerufen hat – das Streben nach einem anderen als dem bisher gepflegten, eher kritischen Geschichtsbewußtsein ist deutlich. Nicht zufällig führt das andere Deutschland, jenseits, seit etwa zwei Jahrzehnten vor, wie man Geschichte für Erziehung und Politik nützlich zu machen versteht, nicht zuletzt durch die restaurierten und rekonstruierten, die nachempfundenen und die umgebauten Repräsentationsgebäude des preußischen Barocks. West-Berlin, ebenso lange vom Wiederaufbau – das heißt: vom Neubau – abgelenkt und zugleich vom Traum der Wiedervereinigung gehemmt, versucht nun, Geschichte aufzuholen. Die 750-Jahr-Feier der Stadt in zwei Jahren stachelt den Ehrgeiz hüben wie drüben mächtig an.

Begonnen hatten die Erwägungen, mit Hilfe eines Deutschen Historischen Museums "das Gefühl für Gemeinsamkeiten (unter den Deutschen) über die Grenzen hinweg wachzuhalten", in den siebziger Jahren. Die DDR hat ihr Museum für Deutsche Geschichte schon Anfang der sechziger Jahre im ehemaligen Zeughaus Unter den Linden eingerichtet, eine ideologisch gezielte, geschickte und lehrreiche Veranstaltung. 1978 stellte zum erstenmal ein Senat derlei Überlegungen an. Als die Preußen-Ausstellung 1981 die Gemüter beschäftigte, wuchs das Verlangen. Im Jahr darauf schließlich entschied der Regierende Bürgermeister Richard von Weizsäcker, ein Deutsches Historisches Museum zu errichten, in West-Berlin: "Es gibt keinen besseren Ort." Und ihm fiel kein besseres Gebäude dafür ein als ausgerechnet der nach dem Architekten Martin-Gropius benannte Bau, eine immer erfolgreicher agierende Institution. Die Preußen-Ausstellung darin hatte etwas ausgelöst.

Zwar pflichtete der Oppositionsführer Hans-Jochen Vogel dem bei – so wie sich die SPD-Opposition heute dem Projekt anbequemt hat –, aber zugleich richtete sich heftige Kritik gegen die Wahl des Hauses. Sie kam vor allem aus der Berliner Akademie der Künste, die um seine Offenheit zu fürchten begann. Eben hatte das zum Abriß vorgesehene, noch rechtzeitig entdeckte und gerettete Haus des ehemaligen Kunstgewerbemuseums angefangen, seinen neuen Ruhm zu begründen – so publikumswirksam wie das Centre Pompidou, doch ungleich ernsthafter im geistigen Anspruch –, da sollte der Rahm für eine in Wahrheit politische Idee abgeschöpft werden? Nach unendlichen Diskussionen, vor allem nach zwei Experten-Anhörungen war dann allmählich Klarheit in das anfangs verschwommene, zwangsläufig noch eher altmodische Projekt gekommen. Der Kultursenat entwickelte darauf ein überraschend geistreiches Konzept für eine "Geschichtsvermittlung im Diskurs". Auf dem Deutschen Historikertag hat der Regierende Bürgermeister das "Geschichtsprojekt" seines Senators bekräftigt.