Von Gunter Lehofer

Das Gasthaus in Krainberg am Wurzenpaß, ganz im Süden von Kärnten und nur einen Berghang von Jugoslawien entfernt, nennt sich stolz und berechtigt "Zur schönen Aussicht". Aber am Sonntag will dort keiner vor neun Uhr Frühstück herausgeben, und so marschiere ich die ersten Stunden auf dem Weitwanderweg 09, der quer durch Österreich führt, nüchtern.

Die Wolken bluffen an diesem Morgen. Was drohend über dem Steinberg hängt, sind nur die Reste eines Nachtgewitters. Die Schafe glänzen in der Morgensonne frischer als der Schnee auf den Nockbergen vor mir.

In der vielbesuchten Kurzone von Warmbad-Villach, der nächsten Station auf dem Weg, trabe ich mit Rucksack und aufgeschnalltem Schlafsack an den gemächlich schlendernden Kurgästen vorbei und komme mir ziemlich seltsam vor. Von Treffen aus versuche ich die Steilschulter der Gerlitzen zu bezwingen. Oben auf der Steinwenderhütte kommt die erste Niederlage in mein Wandertagebuch. Ich habe mich mehr hinaufgerastet, als daß ich gegangen bin.

Der Frühstückskaffee wird in einer Warmhalteflasche serviert. Das ist in den Nockbergen zu beachten: Die Hütten sind in Wirklichkeit verkehrserschlossene Almgasthöfe. Die Wirte sausen am Abend ins Tal. Wer sich als Wanderer zu sehr verspätet, findet die Türen verschlossen. Oder es wird ihm klargemacht, daß er leider nicht übernachten könne, weil man ihm halt doch nicht so recht traut. Dann heißt es ins Tal gehen. Ich würde empfehlen, die Tagesetappen so einzuteilen, daß man gleich unten übernachten kann.

Die Kärntner Nockberge sind Aussichtsberge. Ihre bequem zu gehenden, fast immer felsfreien Grate erlauben bei klarem Wetter jene Traumblicke zu den Hohen Tauern und zu den südlichen Kalkalpen, die in den Wanderführern stets beschrieben werden. Dafür sind die Höhen dem Wind ausgesetzt und bei Nebel und Gewitter ernst zu nehmen. Die Höhenlage von nur etwa 2400 Metern sollte da niemanden täuschen.

Wer über den Wöllaner Nock hinunter nach Patergassen und hinauf zum Falkert geht, in das künftige Nationalparkgebiet hinüber auf die Turracher Höhe, findet ein kleines Bergparadies mit Zirben und weidenden Kühen – und, was für Wanderer wichtig ist, fast überall Quellen bis zum Gipfel. Auf der Turracher Höhe sollte man sich im Hotel "Heuschober" stärken, bevor man den langen Aufstieg zum Schoberriegl in Angriff nimmt. Oben beginnt mein Lieblingsstück hinüber zum Flattnitz. Es ist ein reiner Dachfirstweg, über 2000 Meter hoch. Und genau diesen ruiniere ich mir durch mangelnde Vorbereitung und Furcht vor dem Wetter. Ich gehe schon mit etwas Angst auf die Bretthöhe zu. Vor mir ziehen sich die Wolken auf der Ostseite zusammen. Auf der Bretthöhe selbst starre ich in eine dunkle Wolkenwand, die etwa fünfzig Meter vor mir beginnt. Ein Wegweiser ist auch nicht da. Eine Wanderkarte glaubte ich in meiner erweiterten Heimatgegend nicht nötig zu haben. So stehe ich zögernd und gehe dann falsch. Nach der außerplanmäßigen Übernachtung in einer Almhütte reine ich mich am nächsten Tag wieder in den rechten Weg ein. Es gibt, so meine wieder bestätigte Erfahrung, derart viele Wege, Abzweigungen, Kreuzungen, Vorgipfel, Nebengipfel, Bäche, Almwiesen, Wolkenbänke, daß man ohne Karte leicht in die Irre gehen kann.