Von Ulrich Greiner

Wie in alten Filmen erscheint auch in Otar Iosselianis "Günstlingen des Mondes" am Ende auf der Leinwand die Inschrift: Fin – Ende. Der Hinweis ist kein Witz. Denn der Film könnte ebensogut "Der Reigen" heißen, und ein Reigen zeichnet sich dadurch aus, daß er kein logisches Ende hat. Er hört auf, weil die Tanzenden müde sind oder weil sie, wie in diesem Film, teils tot sind, teils im Gefängnis sitzen.

In Schnitzlers "Reigen" ist das Goldene Kalb, um das die Menschen tanzen, der Sexus. Bei Iosseliani ist es der Besitz. Jede der vielen Figuren in diesem Film will möglichst viel besitzen: Geld, Juwelen, Kunstwerke, Menschen. Und ein jeglicher stiehlt, betrügt, hintergeht – und wird bestohlen, betrogen, hintergangen.

Auch die Liebe ist nur Diebesgut. Zu den wenigen ehrlichen Menschen in diesem Film gehört eine Hure. Ihre Liebe ist käuflich. Sie liefert korrekt, wofür sie bezahlt wird. Das ist eines der wenigen seriösen Geschäfte. Am Ende wird sie erschossen, versehentlich. Der Einkaufskorb fällt ihr aus der Hand, und Äpfel kollern über die Straße. Ein Passant bückt sich, nicht, um nach der Frau zu sehen, sondern um sich einen Apfel zu nehmen, in den er davonschlendernd hineinbeißt, daß es kracht.

Auch dieser Reigen also endet natürlich auf unnatürliche Weise – wie das Leben bekanntlich mit dem Tod endet, bis zu dessen Machtwort der Tanz andauert. Und wenn nach Dürrenmatts Definition das eine Komödie ist, was die schlimmstmögliche Wendung nimmt, dann ist der Film von Iosseliani eine Komödie.

Sein schlimmes Ende besteht darin, daß alles genauso weitergehen könnte wie zuvor. Denn die Menschen bei Iosseliani, mit Shakespeares Worten "Günstlinge des Mondes" und "Ritter der Finsternis", lernen nichts. Sie machen nicht Erfahrungen, sondern ihnen widerfährt etwas. Indem sie Täter sind, werden sie zu Opfern. Diese Gerechtigkeit wird allen Figuren Iosselianis zuteil.

Ein trauriger Film also? In der Slapstick-Komödie lachen wir über das Pech der anderen. Iosselianis Film ist zum Lachen, aber er ist nicht amüsant. Beklommen schauen wir diesen Menschen zu, wie sie panisch nach ihrem Glück jagen. Ameisen, von neugierigen Kindern aufgestört, könnten nicht wilder durcheinanderrennen. Das neugierige und grausame Kind, das sich in diesem Film über die Menschen beugt, heißt Otar Iosseliani. Mitleidlos richtet er seinen Blick auf die chaotische Choreographie des alltäglichen Lebens.