Vor fast fünf Jahren, Ende 1980, veröffentlichte das Umweltbundesamt eine alarmierende Meldung: Asbest, dieses schier unverwüstliche Fasermaterial, ist höchst gefährlich, Asbeststaub ist nach Forschungsergebnissen Düsseldorfer Wissenschaftler krebserregend. Asbeststaub war damals aber überall in der Luft, wo Autos fuhren, denn Asbest ist ein wichtiger Werkstoff bei der Herstellung von Bremsbelägen – und wird bei jedem Bremsvorgang staubfein freigesetzt.

Die Folge: Umweltbewußte Politiker forderten ein Verbot der Asbest-Bremsbeläge. Zu diesem Verbot kam es nicht, weil die Industrie ihm mit Neuentwicklungen zuvorkam. Das bekannteste Surrogat nennt sich "Semimetallic" und basiert auf fast 50 Jahre alten deutschen Patenten, die von amerikanischen Bremsenherstellern gekauft wurden, als dort die Asbest-Diskussion begann. Semimetallic-Beläge kommen zwar nicht ganz ohne Asbest aus, sie gelten aber als "asbestarm" und sind in den USA inzwischen weit verbreitet. In Deutschland haben die Farbwerke Hoechst und der Bremsenspezialist Teves (Ate) ein überwiegend organisches Kunststoff-Fasergemenge entwickelt, das völlig auf Asbest in den Bremsen verzichtet. Inwieweit hat die Autoindustrie diese teuren umweltfreundlichen Techniken für ihre Neuwagen übernommen? Eine ZEIT-Umfrage zeigt: Es ist noch viel zu tun.

Vorbildlich sind die Skandinavier, die Briten und die Wolfsburger sowie ihre Konzerntochter in Ingolstadt: Bei Austin-Rover, Saab, Volvo, Volkswagen und Audi läuft kein Auto mit Asbestbremsen vom Band. Daimler-Benz hat das Klassenziel fast erreicht, die beiden neuen Modellreihen 190 und 124 (Mercedes 200 bis 300) bremsen schon ohne die Krebserreger, die S-Klasse wird derzeit umgerüstet. Zur Internationalen Automobilausstellung Anfang September in Frankfurt sollen alle Stuttgarter Stern-Wagen mit makellosen Bremsen anrollen.

Bei den anderen deutschen Autoherstellern sieht es nicht so gut aus. Im BMW-Angebot sind alle Scheibenbremsbeläge asbesthaltig. In München ist man noch in der Testphase, die weiß-blauen Karossen sollen zwar asbestfrei ausgestattet werden, aber Termine sind noch nicht bekannt. Die inländischen Konkurrenten können Teilerfolge melden: Fords Scorpio ist asbestfrei, bei einigen anderen Modellen sind es zumindest die hinteren Beläge. Opel läßt die Vorderräder seiner Neulinge Kadett und Corsa schon ohne Asbest abbremsen, ansonsten laufen bis Ende nächsten Monats noch Versuche, danach soll die geplante Umrüstphase (bis Herbst 1986) beginnen. Der Sportwagenfabrikant Porsche kann seinen Jüngsten, den 944 Turbo, schon ohne Asbestbremsen anbieten, im nächsten Monat wird der große 928 S umgestellt, bis zum nächsten Sommer sollen alle Zuffenhausener Flitzer diesbezüglich umweltfreundlich sein.

Die japanische Marktführerriege präsentiert sich hierzulande uneinheitlich. Bei Mazda, Honda und Toyota bremsen alle hiesigen Modelle mit Asbestbelägen, auch wenn die Toyotas in Japan bereits mit asbestfreien Belägen fahren. Vorne ist in der Nippon-Riege Nissan, bei dem nur noch die Sportversionen Silvia und 300 ZX das inkriminierte Mineral in den Belägen haben.

Die französischen Nachbarn machen diesbezüglich auch unterschiedlich Figur. Beim Staatskonzern Renault sind die asbestlosen Bremsen in der Planung, Umrüsttermine noch nicht abzusehen. Konkurrent Peugeot kann umweltbewußten Käufern schon die Modelle 205, 505 und 604 anbieten, alle anderen sollen "in einigen Monaten" folgen. Citroën, einst stets unter den technischen Vorreitern, ist noch in der Prüfungsphase, der Zeitpunkt einer Bremsenumstellung ist nicht festgelegt.

Bleiben die Italiener, die gemeinsam dem asbestfreien Feld hinterherfahren: Bei Alfa Romeo ist eine Umrüstung zwar im Gespräch, aber Termine werden nicht genannt. Bei Fiat heißt es, es gebe zwar Untersuchungen im Hinblick auf asbestfreie Bremsen, aber überhaupt nichts Konkretes. A.T.