Den Tübinger Studenten ist Haigerloch als Ausflugsort in reizvoller schwäbischer Landschaft wohlbekannt. Weniger bekannt ist, daß Haigerloch seit 1980 ein Atommuseum hat. Es ist in einem Felsenkeller untergebracht, in dem bis 1944 Kartoffeln und Bier lagerten.

Der Atomwissenschaftler Werner Heisenberg, während des Krieges Leiter des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Physik in Berlin, wußte um diesen Keller aus seiner Tübinger Zeit. 1944, als eine geregelte Forschungsarbeit wegen der immer schwerer werdenden Luftangriffe kaum noch möglich war, erinnerte sich Heisenberg an die Felsenhöhle. Sie erschien ihm als letzte Möglichkeit, seine Forschungsprojekte zur Energiegewinnung aus Kernspaltung fortzusetzen. Während einer Diskussion über mögliche Evakuierungsorte kam Haigerloch alsbald ins Gespräch. Es wurde Kontakt mit dem Eigentümer des Kellers, dem Schwanenwirt Merz, aufgenommen, und unmittelbar nach den Verhandlungen begann der Umbau des Kellers in ein Atomlabor. Der Auftrag lautete: einen runden Schacht zu betonieren und eine Laufschiene unter die Felsendecke zu montieren, stark genug, um etliche Tonnen zu tragen. Das Mietverhältnis wurde auf Kriegsdauer abgeschlossen.

Nachdem Uranerz aus Belgien und schweres Wasser (es dient als Neutronenmoderator) aus Norwegen in Berlin eingetroffen waren, drängte Heisenberg auf die Evakuierung. Im Januar 1945 war es soweit. Ein großer Lastwagen transportierte Uranerz und schweres Wasser durch das zusammenbrechende Deutschland nach Haigerloch. Bis zum Einmarsch der Amerikaner wurden Versuche Zur Atomenergiegewinnung betrieben. Die Atombombe jedoch stand niemals auf dem Programm. Die Experimente liefen, als die Franzosen – ohne von ihnen zu ahnen – bereits vor Haigerloch waren und sich die Amerikaner mit einer Spezialtruppe näherten. Die Amerikaner jedoch wußten sehr wohl von den Forschungsarbeiten in Haigerloch. Sie hatten Befehl, den Atomkeller zu sprengen und wollten Bürgermeister und Pfarrer des Städtchens darauf vorbereiten.

Bei einem Treffen kam es zwischen dem heute achtzigjährigen Pfarrer Guide und einem der US-Offiziere zu einem kurzen Gespräch, bei dem der Pfarrer die Weisung gab, Türen und Fenster zu öffnen, damit durch die Sprengung vermeidbarer Schaden verhindert werde. Guide nutzte die Gelegenheit, auf die Kunstschätze in der Schloßkirche über dem Felsenkeller hinzuweisen: auf den Hochaltar, das kostbare schmiedeeiserne Chorgitter, die Orgel. Sichtlich beeindruckt erteilte der amerikanische Offizier den Befehl, die Sprengladung so gering wie möglich zu halten. Das Ergebnis: Es wurde lediglich der Kessel des Atomkellers gesprengt. Dem Befehl war Genüge getan, und die kunsthistorischen Schätze blieben dem Städtchen erhalten.

Die Hauptattraktion des Museums – die Nachbildung des Atommeilers – befindet sich im hinteren Teil des Felsenkellers, und wenn es ganz ruhig ist, hört man manchmal das Fallen eines dicken Wassertropfens aus dem Gestein.

Den Meiler sollte man umgehen wie eine Skulptur. Ein schützendes Geländer gibt jedem Besucher die Möglichkeit, bis auf den Grund des Schwerwasserreaktorgefäßes hinunterzuschauen, wo er die Spiegelungen wie in einem Brunnen betrachten kann. Darüber befindet sich das Gehänge der Uranwürfel. Und dahinter, wie auf einer Schutthalde, liegen die Reste der Hülle, die nach der Sprengung übriggeblieben sind.

Eine große Photowand zeigt die Porträts deutscher Atomforscher, Dokumente erzählen von diesem Abschnitt der Atomforschung, auch die Entwicklung der Kernenergie wird erklärt.