Günther Mack:

Leben, Lieben, Loben

Für ein paar Stunden hatte die rheinische Kirchengemeinde auf Deutschlands teuerster Meile ein Erfrischungszelt aufgeschlagen. Ein Plakat ermunterte Gäste, ihre Meinung über den kurz zuvor eröffneten Kirchentag auf eine Papierwand zu schreiben. Während in der Königsallee wie in der übrigen Innenstadt selbst der Fußgängerverkehr zu erliegen drohte, und die Polizei am traditionellen "Abend der Begegnung" doppelt so viele Besucher wie zu Karneval-Spitzenzeiten registrierte, vertraute ein Anonymus entnervt der Wand an: "Der Kirchentag – einfach zu groß." Ein anderer setzte mit Filzstift daneben: "Du hättest ja wegbleiben können."

So wie vor zwölf Jahren. Damals hatten sich zum 15. Kirchentag, gleichfalls in Düsseldorf, gerade noch 7500 Dauerteilnehmer eingefunden, ein Tiefpunkt in der Nachkriegsgeschichte der Protestantentreffen, die in den fünfziger Jahren als letzte gesamtdeutsche Klammer Hunderttausende auf die Beine gebracht hatten. Umflort von Erwägungen, der offenbar überlebten Tradition eigenhändig ein Ende zu setzen, blieb den Verantwortlichen 1973 wenig mehr als das, was Protestanten in Not immer bleibt: ein verzagtes "Dennoch".

Seither geht es bergauf. Zum 19. Treffen 1981 in Hamburg kamen erstmals wieder mehr als hunderttausend Dauergäste. Jetzt in Düsseldorf waren es fast 130 000, davon siebzig Prozent junge Erwachsene unter dreißig, außerdem einige zehntausend Tagesgäste, ein Andrang, der die Transportkapazitäten der Messestadt sichtbar überforderte und die Geduld von Gastgebern und Gästen auf die Probe stellte. 2300 Veranstaltungen verschafften innerhalb von vier Tagen jedem öffentlich diskutablen Thema ein Forum. Podien, Katheder und Kanzeln waren hochkarätig besetzt. Ergänzt wurde das Angebot in zweieinhalb riesigen Messehallen durch den "Markt der Möglichkeiten", Hunderte von Selbstdarstellungen kirchlichen, humanitären oder politischen Engagements, von A wie Adoption bis Z wie Zivildienst.

Das Programm, 318 Seiten stark, entwickelte sich nach Format und Gewicht noch mehr zum Kaufhauskatalog ohne dadurch umfangreiche Zusatzhefte überflüssig zu machen. Teilnahme bedeutet erschöpfende Arbeit. 9,9 Millionen Mark haben die vier tollen Tage gekostet, zur einen Hälfte von den Teilnehmern bezahlt, zur anderen von Landeskirche, Stadt, Land und Bund. Sie besorgten damit ein Spektakulum, das heute in seiner Art ohne Beispiel ist.

Sein Reiz liegt unter anderem in einer Art seismographischer Frühwarnfunktion. Kirchentage zeigen an, was eine durch besondere Aktivität ausgewiesene Gruppe der Bevölkerung derzeit bewegt und was demnächst womöglich um sich greift; Kirchentage deuten an, wie Ereignisse der jüngsten Zeit verarbeitet worden sind, was aufregt, polarisiert, langweilt oder amüsiert.