Hamburg

Es steht nicht zum besten zwischen Wirten und Journalisten. Im Schwarzwald hat ein Gastronom gerade einen Prozeß gegen einen Fernsehmann verloren, der in seinem Gasthaus unfein bestellte. Der Journalist hatte "Filetsteak spezial" geordert: "Ich hätt’s gerne rot, und zwar so rot, daß es noch ‚muh‘ sagt, wenn man draufdrückt!" Der Gast bekam daraufhin ein "ziemlich durchgebratenes" Steak. Er reklamierte erfolglos und bezahlte schließlich nur Pils und Salat. Der Wirt zog vors Amtsgericht Freiburg, und das gab dem Gast recht: Die ‚muh‘-Formel sei deutlich gewesen, wenn auch unüblich; das zu stark gegarte Steak sei mit einem erheblichen Mangel behaftet gewesen. Nun muß der Wirt auch noch die Prozeßkosten bezahlen.

Der zweite Kriegsschauplatz zwischen Wirt und Journalist hat schon die dritte Gerichtsinstanz erklommen. Armin Diel ist von dem Wirt des Münsteraner Lokals "Westfälische Friede 1648" verklagt worden, weil dieser ein Abendessen des Wirtes verrissen hatte. Vor dem Landgericht gewann Diel, aber beim Oberlandesgericht behielt der Wirt die Oberhand. Dieses Gericht verlangte vom Restaurant-Kritiker, er müsse zuvor eine Lehre als Koch, Konditor oder Kellner gemacht haben, um die Berechtigung zu erlangen, über Essen zu schreiben. Die Karlsruher Richter zerbrechen sich augenblicklich den Kopf über dieses absurde Urteil.

Und nun hat die Wirtshausbranche eine neue Front eröffnet: Josef Viehhauser, Chef des feinen Hamburger Restaurants "Le Canard" in der Martinistraße (ein Stern im Michelin), sah voller Schrecken Wolfram Siebeck, der für unser Magazin die gastronomische Szene beschreibt, in seiner guten Stube sitzen. Siebeck, in Begleitung seiner Frau Barbara und des Chefredakteurs Jochen Karsten vom Feinschmecker, bekam gar nicht erst die Speisekarte gereicht. Nach dreißig Minuten kam Josef Viehhauser an den Tisch, setzte sich ohne zu fragen hin und erklärte, er beabsichtige nicht, für Siebeck zu kochen, denn der stecke doch nur voller Vorurteile.

Was war passiert: Siebeck hatte vor vier Jahren in unserem Magazin einen Streifzug durch die Hamburger Lokale unternommen. Über "Le Canard" schrieb er: "Man sitzt eng, es fehlt an Luft, und unüberhörbar signalisiert eine klappernde Saloon-Schwingtür vor der Toilette, wie es um die Verdauung der Gäste steht... Da brät er die empfindliche Gänseleber so heiß, daß ihre Ränder bitter verbrannt sind; er schneidet alles, was ihm unter die Finger kommt, in hauchdünne Scheiben, was bei einer gebratenen Taubenbrust so sinnvoll ist wie bei einem gebratenen Rinderfilet, und den Kalbsnieren kaum besser bekommt als der Gänseleber, wenn auch sie zu heiß gebraten werden. Bei den Gemüsen angewandt, löst die Scheibchen-Methode unweigerlich die Frage aus: Wo, bitte, gibt’s hier was zu beißen?...

Zuzugeben bleibt, daß die Desserts im Le Canard außergewöhnlich köstlich sind: eines delikater als das andere. Talent ist also hier durchaus vorhanden."

Siebeck hat nun keine Chance herauszufinden, ob sich Viehhausers Talent inzwischen entwickelt hat oder doch verkümmert ist.