Tagesfahrten von West-Berlin in die DDR sind ein großer Erfolg bei Gruppen. Touren für Einzelreisende mußten indes vielfach mangels Interesse abgesagt werden.

Potsdam, Dresden, Leipzig, Spreewald, Mecklenburg, die Insel Usedom – es gibt kaum eine touristisch attraktive Region der DDR, die nicht von der Berliner Gedächtniskirche aus in Tagesfahrten erreicht werden kann, alles zu Preisen, die selbst bei den weitesten Fahrten unter 100 Mark bleiben. Wenn’s ein bißchen mehr sein darf, geht’s auf Zweitagestouren, beispielsweise an die Ostsee oder in die Sächsische Schweiz. Das kostet dann 180 bis 250 Mark, das teuerste ist eine Fahrt nach Dresden mit Karte für die Semper-Oper für 282 Mark.

Wer die Broschüren der Westberliner Reisefirmen mit diesen Angeboten durchblättert, gewinnt den Eindruck, die auch im Tourismus als bürokratisch und unflexibel gescholtene DDR zeige sich hier, zu beiderseitigem Nutzen, sehr beweglich. Auch die große Zahl dieser Touren – im vergangenen Jahr fanden mehr als 30 000 Ein- und Mehrtagesfahrten statt – scheint dies zu bestätigen. Doch der Eindruck täuscht.

Rund 40 Prozent aller "Turnusfahrten" mußten im vergangenen Jahr mangels Beteiligung (Mindestteilnehmerzahl 25 Personen) storniert werden. Zugleich fanden aber rund 70 Prozent mehr "Sonderfahrten" statt, so daß sich das Gesamtvolumen der Kurzreisen in die DDR erheblich gesteigert hat. Turnusfahrten sind die in den Prospekten der Reiseveranstalter ausgedruckten und langfristig im voraus festgelegten Touren. Sonderfahrten sind Touren geschlossener Gruppen (Schulklassen, Vereine etc.), die oft mit ihrem "eigenen" Bus in die DDR einreisen wollen. In diesem Jahr, vor allem in den letzten Monaten, hat die DDR allerdings eine große Zahl von Sonderreise-Anträgen abgewiesen& Sie berief sich dabei auf Kapazitätsprobleme, genauere Details für diese Zurückhaltung weiß auch Direktor Peter Rosenbero, der touristischm "Chefunterhändler" des DER in Berlin, nicht zu benennen.

Alle Tages- und Zweitagesfahrten von Berlin in die DDR müssen zentral zwischen dem staatlichen Reisebüro der DDR und der Berliner Direktion des Deutschen Reisebüros (DMR) ausgehandelt werden. Das DER, ein mehrheitlich im Bundesbesitz befindliches Unternehmen, hat in Berlin eine GmbH gegründet. Diese Firma arbeitet als Generalagent für die einzelnen Reisebüros, die DDR-Fahrten anbieten, aus Konkurrenzgründen verzichtet das DER, das in der Bundesrepublik einen guten Erfolg mit DDR-Reisen hat, in Berlin selbst auf Tages- und Zweitagesfahrten in das deutsche Nachbarland.

Erschwert wird der deutschdeutsche Fremdenverkehr ex Berlin auch durch die umständlichen Visa-Bestimmungen Ost-Berlins. Visumanträge von Westberlinern müssen zwölf Werktage vor Reisebeginn eingereicht sein, Bundesbürger müssen sich sogar vier Wochen zuvor anmelden. Das macht spontane Ausflugsentscheidungen von Westberlin-Touristen zunichte und läßt derart viele Reisetermine platzen.

Ansonsten gestaltet sich dieser "kleine Tourismus" recht unproblematisch, sieht man davon ab, daß die DDR ihre Besucher aus dem Westen regelmäßig überfüttert, Drei reichliche Mahlzeiten bei einer Spreewaldfahrt, bei der man kaum ein paar Schritte laufen kann – das schaffen auch stramme Esser nicht. Folglich bleiben üppige Speisereste und Vorurteile über die verwöhnten Westler zurück. Aber zu kleineren Portionen oder einer Mahlzeit weniger konnte die DDR-Urlaubsbürokratie noch nicht bewegt werden. R. V.