Wie ein schöner und seltener Vogel gerettet werden soll

Von Carl-Albrecht von Treuenfels Gespannt warten Anfang Juni nordamerikanische Vogelfreunde und Naturschützer auf die erste Nachricht von Ernie Kuyt aus dem kanadischen Wood Buffalo Nationalpark. Er liegt beiderseits der Grenze zwischen der Provinz Alberta und den Northwest Territories. Der Biologe von der kanadischen Naturschutzbehörde (Canadian Wildlife Service) weiß alljährlich als erster, wie sich der Bestand der Schreikraniche fortentwickelt, wie viele Paare im Mai mit der Brut begonnen haben. Die Vögel fallen in jeder Beziehung auf: Mit ihrem schneeweißen Gefieder, von dem sich die rote Kopfplatte und die nur im Flug sichtbaren schwarzen Handschwingen an den Flügelspitzen abheben, sind sie aufregend schön. Rund eineinhalb Meter groß, überragen sie alle anderen Gefiederten des Kontinents. Unter den vierzehn Kranicharten auf der Erde ist die der Schreikraniche mit knapp 120 freilebenden und 36 in Gefangenschaft gehaltenen Vögeln die seltenste.

Die Regierungen der Vereinigten Staaten von Amerika und Kanadas haben seit annähernd zwanzig Jahren etliche Millionen Dollar investiert, um diesen "gefiederten Zeugen der Urzeit" zu erhalten. Auf dem 3500 Kilometer langen Flug zwischen ihren kanadischen Brutgebieten und ihrem Winterquartier an der texanischen Küste zum Golf von Mexiko tauchen die Schreikraniche mit ihren mehr als zwei Meter weit spannenden Schwingen in vielen Staaten auf. Wo sie gesehen werden, berichten Zeitungen, Rundfunk und Fernsehen über sie, werden Warnmeldungen herausgegeben und stehen die Naturschützer bereit. Die weite Reise, die alle in Nordkanada beheimateten "Whooping cranes" in jedem Frühling und Herbst zurücklegen, birgt viele Probleme in sich. Und die Schreikraniche haben dem Wappenvogel der USA, dem Weißkopfseeadler, in naturschutzpolitischer Hinsicht längst den Rang abgeflogen.

Besonders erleichtert atmet David Blankenship in Rockport, Texas, auf, wenn er von Ernie Kuyt aus Fort Smith über das Telephon erfährt, daß die ersten Schreikranichpaare mit ihrer Brut begonnen haben. David Blankenship ist in Texas der Area Manager der "National Audobon Society", der mit über 550 000 Mitgliedern’ größten Vogelschutzorganisation der USA. Seit langem schon wacht er von Oktober bis April – gemeinsam mit Beamten des U.S. Fish and Wildlife Service – über das Schicksal der "Whoopers" im Naturschutzgebiet von Aransas. Gäbe es diese im Jahr 1937 eingerichtete 22 000 Hektar große "National Wildlife Refuge" nordöstlich der Küstenstadt Corpus Christi nicht, würden vielleicht überhaupt keine Schreikraniche mehr existieren.

Hier beobachteten Ornithologen seit den dreißiger Jahren, wie die Zahl der im Herbst eintreffenden Vögel von Jahr zu Jahr abnahm. 1941 landeten nur mehr fünfzehn in den flachen Brackwassermarschen der Golfküste. Gemeinsam mit einer Restgruppe von sechs nichtziehenden Artgenossen in Louisiana, die bis 1949 ausstarb, gab es damals also gerade noch 21 freilebende Schreikraniche. Die um ihren Schutz bemühten Menschen wußten nicht, woher die eindrucksvollen Flieger mit den trompetenden Rufen alljährlich kamen, wo sie brüteten. Erst 1954 entdeckte die Besatzung eines Hubschraubers, die zur Waldbrandbekämpfung ausgeflogen war, zufällig ein Schreikranichpaar mit einem noch braunen Jungvogel im riesigen Wood Buffalo Nationalpark. Kurz darauf suchten Biologen das Gebiet aus der Luft ab und sahen weitere Kraniche. Die Nistplätze lagen derart zivilisationsfern, stellten sie erleichtert fest, daß die Brut durch Menschen kaum gestört werden konnte. Dennoch kam ausgerechnet im Jahr der Entdeckung kein einziger Jungvogel im Winterquartier an; 1954 gab es in Aransas nur 21 Vögel – ein Hinweis darauf, daß auf dem Weg nach Süden einige Tiere ums Leben gekommen waren, denn vom Hubschrauber aus waren noch fast flügge Junge in den Brutrevieren beobachtet worden.

Die Schreikraniche stehen seit 1916 unter völligem Schutz, doch die kleineren Kanadakraniche, gut eine halbe Million (einschließlich der in Sibirien brütenden und in Nordamerika überwinternden), dürfen auch heute noch in manchen Staaten zur Herbstzeit geschossen werden. Die Jungen beider Arten ähneln sich mit ihrem braunen Gefieder zum Verwechseln, zumal beide Arten gelegentlich in gemischtem Verband ziehen. Die alten Schreikranicne sind schon hin und wieder für Schneegänse gehalten worden – ebenfalls mit tödlichen Folgen für sie.

Auch zwölf Jahre nach der Entdeckung der Brutplätze und viel Aufklärungsarbeit gab es nur 43 Schreikraniche. Deshalb taten die Naturschutzbehörden Kanadas und der USA Ungewöhnliches: Anfang Juni 1967 wurden aus sechs Nestern der Schreikraniche im Wood Buffalo Nationalpark jeweils eins von den zwei Eiern herausgenommen. Ernie Kuyt brachte die angebrüteten Eier in einem Wärmebehälter nach Fort Smith und von dort mit einer Sondermaschine in die Brutschränke des "Patuxent Wildlife Research Center" in Laurel, Maryland. Bis 1974 kamen auf diese Weise 50 Eier dorthin, aus denen 30 Jungkraniche schlüpften. Die Wildpopulation schädigten die "Eierdiebe" kaum, denn nur ganz selten kamen zwei Jungvögel im Familienverband in Aransas an. Zwar schlüpfen aus beiden befruchteten Eiern die Küken, doch stirbt eins meistens vorzeitig. Die Aufwuchsbedingungen im hohen Norden sind hart: Wer einmal mit Ernie Kuyt in das Gebiet geflogen ist, weiß, wie karg die Ernährungslage dort für die Vögel ist. Gibt es einen trockenen Sommer, so können Tiere wie Wolf, Bär und Vielfraß den Jungen gefährlich werden. Auch herrscht unter zwei Küken keine geschwisterliche Eintracht, sondern harter Konkurrenzkampf, dem nicht selten das etwa zwei Tage später geschlüpfte Kranichkind zum Opfer fällt.