ZDF, Freitag, 7. Juni: "Tele-Zoo". Ärger in höchsten Tönen: Die Schnaken kommen. Moderation Alfred Schmitt

Die Ankündigung war vielversprechend: "Aus dem Leben der Schnaken". In einem preisgekrönten Film sollte das faszinierende Leben der Schnaken beschrieben werden, "die als lästige Blutsauger Mensch und Tier quälen". Jedoch, hier stockt’ ich schon: Schnaken? In Meyers Konversationslexikon steht, daß Schnaken sich von Pflanzensäften ernähren und nicht stechen, geschweige denn Blut saugen. Es ging also offenbar nicht um Schnaken, sondern um Mücken – gleichviel. Ich freute mich auf diese Sendung, ich hoffte, in aller Ruhe groteske Insekten aus nächster Nähe betrachten zu können, mit behaarten Fühlern, gläsernen Flügeln und riesigen Augen, Lebewesen, die wir achtlos totschlagen, ohne daß wir eine Ahnung davon haben, wie raffiniert sie konstruiert sind. Um es gleich zu sagen: die Sendung wurde eine Enttäuschung. Das ging schon mit der Einleitung los.

Herr Schmitt, der Moderator, saß an einem Tisch, der voll Insektenvertilgungsmitteln stand. Er berichtete, daß wir möglicherweise einen heißen Sommer kriegen werden und dann vermutlich nach Sprays zu greifen gezwungen sind. "Gegen jene Plagegeister, deren singende Fluggeräusche uns den Schlaf rauben." Hierzu vollführte er mit anerkennenswertem mimischen Einsatz Abwehrbewegungen gegen imaginäre Mücken. Aha, dachte ich: den Umweltschutz hat er nicht vergessen, das biologische Gleichgewicht. Weit gefehlt! Es blieb bei diesem unverbindlichen Tötungshinweis, eine Kontemplation dieses Themas blieb aus. Statt dessen verkündigte er nun, daß es also bald "Ausschnitte" aus einem preisgekrönten Film zu sehen gebe.

Ausschnitte? Mir schwante Schlimmes. Es wurde in der Tat schlimm. Ein Volksverschnitt wurde gezeigt, wie ich ihn in so abschreckender Form noch nie gesehen habe. Keine utopischen Formen gab es zu besichtigen, keine skurrilen Lebensweisen – ein ruhendes Verweilen beim Betrachten von etwas durch und durch Andersartigem wurde nicht gestattet. In rasender Folge waren Kleinstszenen aneinandergereiht; ich habe mit der Stoppuhr nachgemessen: durchschnittlich dauerten sie fünf Sekunden! Eben sah man irgendwas ausschlüpfen, schwupps! schon wieder kam eine neue Einstellung, und dieses Bildgeknatter wurde dann noch begleitet von ununterbrochenem Gequassel. "Mit ihren fächerförmigen Mundborsten" (nicht zu sehen) "strudeln sich die Stechmückenlarven ständig Wasser in ihren Körper" (nicht zu sehen)... Dabei wachsen sie schnell heran" (nicht zu sehen), "so daß sie sich dreimal in drei Wochen der nicht mitwachsenden Chitinhaut entledigen müssen". (Nicht zu sehen, dafür kam ein Angler ins Bild, der um sich schlug.)

Der ganze Text war eine einzige Stilblüte. Ob die Informationen, die einem da vorgebrabbelt wurden, auch immer stimmten? Ich bin da skeptisch. Zusätzlich wurde noch eine Art Krieg-der-Sterne-Musik in diesem preisgekrönten Film dargeboten, blub-blub, boin! Dazu Vogelzwitschern und die sonderbarsten Geräusche. Als die Kiefer einer Libellenlarve zuschnappten, war das tatsächlich mit Schlagzeug unterlegt, wie im Zirkus, wo auf die Pauke genauen wird, wenn der Clown hinfällt.

Es hat keinen Zweck noch weiter über dieses Glanzstück populärwissenschaftlichr Belehrung zu reden. Es war ein Lehrbeispiel für Filmhochschulen: zur Abschreckung. Schade. Im übrigen war in der dreißigminütigen Sendung noch ein Film über Borkenkäfer zu sehen, vermutlich ein Restbestand aus irgendwelchem ausgeschiedenen Drehmaterial und dann – das war der Gipfel – eine Kurzinformation über eine Ausstellung von Tierplastiken im Münsteraner Zoo. Zu Harfenmusik und singender Säge wurden in fünf Minuten sage und schreibe dreiunddreißig Plastiken vorgestellt. Ich habe mich erst nach Stunden von dieser Sendung erholen können. Walter Kempowski