Von Peter Voss

Der Himmel ist offen, Chartisten und Fundamentalisten haben ausgespielt", jubelten Aktienhändler in den vergangenen Wochen an der Düsseldorfer Börse, als alle Marktindikatoren Tag für Tag neue Rekordmarken setzten. Einige, wie etwa Werner Schwilling, Börsenchef der Deutschen Bank, sind da etwas zurückhaltender. Sie fragen sich – wenigstens gelegentlich –, ob das, was jetzt am deutschen Aktienmarkt geschieht, "eine Bullenfalle oder das vierte Bein der Hausse ist" – ob also der Höhenflug der Aktienkurse vor seinem Ende steht oder der Aufschwung unvermindert stark sein viertes Jahr in Angriff nimmt.

Gerade älteren Börsenprofis sitzt, wie Schwilling sagt, bei jeder Hausse ein "ungutes Gefühl" im Nacken. Schmerzhafte Verluste bleiben wohl länger im Gedächtnis haften als selbst die schönsten Kursgewinne.

Doch, allzu ungut scheint auch bei den älteren Börsenhasen das Gefühl derzeit nicht zu sein. "Die weiteren Aussichten für den Markt", sagt Schwilling, "sind durchaus günstig, auch wenn die Kurse bei ihrer Fahrt nach oben schon ein rasantes Tempo vorgelegt haben."

Das ist in der Tat beeindruckend. Der Aktienindex der Westdeutschen Landesbank (West LB) beispielsweise hat seit Jahresanfang rund 23 Prozent zugelegt, und der FAZ-Index ist erstmals in der Börsengeschichte der Bundesrepublik über die Marke von 450 Punkten geklettert. Von seinem Tiefpunkt zu Beginn der wende am Aktienmarkt im August 1982 hat er sich damit mehr als verdoppelt, und allein in diesem Jahr rund sechzig Punkte gewonnen.

Da ist es schon verständlich, wenn Börsianer ins Schwärmen geraten, besonders dann, wenn sie auf die richtigen Pferde gesetzt haben. Der Markt hat sich, über die Branchen gesehen, in den letzten fünf Monaten nämlich keineswegs gleichmäßig entwickelt. Und in einen Gesamt-Index wie jenen der West LB gehen viele einzelne Aktien mit zwangsläufig unterschiedlichen Kursbewegungen ein. Er zeigt deshalb nicht, bei welchen Aktien besonders gut zu verdienen war und welche zu den Fußkranken gehörten.

Ganz oben in der Anlegergunst stand die Versicherungsbranche. Sie konnte seit Ende 1984 satte 48 Prozent im Kursniveau zulegen. Schon mit weitem Abstand folgen die Automobilhersteller (plus dreißig Prozent), die Banken (plus 29 Prozent) und überraschenderweise die Stahlindustrie mit einem Plus von 28 Prozent. Diese noch vor kurzer Zeit arg gebeutelte Branche hat, wenn auch von einem relativ niedrigen Kursniveau ausgehend, mächtig aufgeholt. Aktienkäufer scheinen die Rationalisierungsanstrengungen der Unternehmen und die wieder anschwellenden Auftragsbücher zu honorieren.