Die Erfindung der Dampfmaschine hat die erste industrielle Revolution ausgelöst. Wir sind nun mittendrin in einer weiteren, der zweiten oder dritten (je nachdem, wie man den gegen Ende des 19. Jahrhunderts einsetzenden Innovationsschub einschätzt) – und diesmal wird die Revolution, so wenigstens versichern die Künder des Fortschritts, in das postindustrielle, das elektronische Paradies einmünden.

Zwischen den ersten Schritten zur Mechanisierung der Welt und dem Aufbruch in die Epoche der Digitalisierung liegen weniger als zwei Jahrhunderte, und man fragt sich, was eigentlich einen Mikrochip noch verbindet mit den Dinosauriern aus der Frühzeit des technischen Zeitalters. Die Maschine hat dem Menschen Arbeit abgenommen, der Computer nimmt sie ihm weg – das ist, auf den ersten Blick, der Hauptunterschied zwischen beiden (und der Grund des Mißtrauens gegen die neuen Technologien). Der technische Fortschritt hat das Verhältnis von Arbeit und Kapital immer mehr zugunsten des letzteren verändert, und insofern ist diese Entwicklung nur konsequent. Entscheidend ist jedoch, daß die Mikroelektronik die Verwirklichung eines Traumes ermöglicht, der schon vor der Erfindung der Dampfmaschine in den Köpfen spukte und der im Automatenmenschen erstmals sichtbar Gestalt annahm. Diese Frühform des Roboters veranschaulichte die Vision einer Maschine, die den Menschen ersetzte.

Jede Ausstellung, die sich mit der Geschichte der Industrialisierung befaßt, muß damit rechnen, daß sich die philosophischen, ökonomischen und auch politischen Konzepte, die hinter der Optimierung der Maschine stehen, letztlich nicht visualisieren lassen. Darstellbar ist der Siegeszug der Maschine und die daraus resultierenden Folgen für die moderne Industriegesellschaft. Das allein ist schon aufregend genug, wenn Ausstellungsmacher tatsächlich mit Objekten und Dokumenten sichtbar machen, wie die Maschine in den vergangenen zwei Jahrhunderten die Welt verändert hat.

Wir wissen heute, daß auch der Fortschritt seinen Preis hat, wir bekommen gerade die Rechnung präsentiert, es wäre also naiv, den Rückblick auf die Entstehung und die Entwicklung des wissenschaftlich-technischen Zeitalters in Form einer anekdotisch ausgeschmückten Chronologie der Ereignisse zu inszenieren. Ein Bilderbuch des Fortschritts aufzublättern, ist sicher amüsant und kann auch einen Eindruck vermitteln von dem Staunen, das immer neue Wunder der Technik hervorriefen, dabei kommt aber wohl kaum zum Vorschein, daß der Fortschritt – wie man allmählich begreift – ein janusköpfiges Unternehmen ist.

Arthur Koestler meinte, wir hätten die Konsequenzen der Dampfmaschine geistig noch nicht verdaut, und es fällt schwer, ihm zu widersprechen. Die Frage ist, ob eine Ausstellung mit den ihr zur Verfügung stehenden Darstellungsmitteln solche Konsequenzen einsehbar machen kann. Die Probe aufs Exempel liefern zwei Veranstaltungen, die einander ergänzen: "Aufbruch ins Industriezeitalter", eine Ausstellung zur Wirtschafts- und Sozialgeschichte Bayerns von 1750-1850, organisiert vom Haus der Bayerischen Geschichte und zu sehen in Augsburg (in den Räumen der zukünftigen Kunsthalle); sowie "Leben und Arbeiten im Industriezeitalter", eine Ausstellung zur Wirtschaft und Sozialgeschichte Bayerns seit 1850, veranstaltet vom Germanischen Nationalmuseum in Zusammenarbeit mit dem Centrum Industriekultur der Stadt Nürnberg und zu sehen in Nürnberg (im Germanischen Nationalmuseum).

Die Ausstellungen spiegeln zwei völlig unterschiedliche Möglichkeiten der Präsentation von Geschichte. Die Augsburger Schau, die wohl auch als Probelauf für zukünftige Aktivitäten des Hauses der Bayerischen Geschichte zu verstehen ist, benutzt eine Art der Darstellung, die ganz auf Anschaulichkeit konzentriert ist. Der Besucher begegnet einzelnen Objekten (oder Objektgruppen), die vor- und frühindustrielle Produktionsweisen belegen, er wird mit der Lebens- und Arbeitssituation von damals konfrontiert, und er wird über die wichtigsten technischen Innovationen informiert, die den bayerischen Beitrag zum Fortschritt in jenen Jahren sichtbar machen. Die Ausstellung, die sich ganz gezielt den Umstand zunutze macht, daß Augsburg in einem noch weitgehend agrarischen Staat eine der wenigen Städte mit einem relativ hohen Grad von Industrialisierung war, ist so im Grunde eine Art von intelligent eingerichtetem Heimatmuseum auf Zeit.

Die Erste Allgemeine Deutsche Industrieausstellung, die 1854 im Münchner Glaspalast eröffnet wurde, bildet den Höhepunkt und Abschluß der Augsburger Veranstaltung. Der Nürnberger Teil des Unternehmens beginnt um die Jahrhundertmitte, setzt jedoch nicht chronologisch fort. Sie kategorisiert, versucht in Querschnitten die Entwicklung von Verkehr, Nachrichtenwesen, Urbanisierung oder bestimmten Industriezweigen aufzuzeigen – und solche begrifflichen Leitvorstellungen haben einen gewissen Verlust an Anschaulichkeit zur Folge. Die Objekte, ungefähr doppelt so viele wie in Augsburg, stehen hier stellvertretend vielfach für größere Zusammenhänge, in die sie einzuordnen wären, die aber nicht sichtbar zu machen sind (wie man sich die Verbindung vorzustellen hat, erklärt einem der Katalog). Nur wenige der zwanzig Abteilungen, bei denen man eine mit der Überschrift "Made in Germany" vermißt und auch eine andere, die sich mit der Grundlagenforschung an den Universitäten beschäftigt, bringen ihr Thema auf einen optisch griffigen Nenner – "Warenhaus und serielle Massenproduktion" gehört zu diesen Ausnahmen.