Von Walter Kempowski

Wenn ich Reinhard Mohn charakterisieren soll, dann fällt mir zuerst das Wort "einfach" ein. Nicht sehr groß, kräftig, angetan mit derben Schuhen, die Jacken und Hosen (wie mir verraten wurde) von der Stange. Ist dies der Stratege eines Wirtschaftsimperiums?

Ich besuchte ihn in seinem Landhaus, das keine Villa Hügel ist, sondern ein Landhäuschen. Er stand schon auf dem Hof, öffnete mir die Wagentür und geleitete mich hinein, wobei er mir die Sicherheitsmaßnahmen kommentierte, nach denen ich Ausschau hielt. Er zeigte zum Beispiel auf einen gesund aussehenden Mann, der gerade mit einem Schäferhund über den Hof ging. Das sei ein Mitglied der body guard, die man ihm seit der Schleyer-Affäre verordnet habe.

Wir saßen dann in einem geräumigen Zimmer mit Ausblick auf ein Kornfeld. Vier Sofas im Karree, dazwischen ein sehr schöner Teppich, sonst kein bemerkenswerter Luxus. Damit wir auch wirklich nicht gestört würden, standen auf einem Beisetztisch für alle Eventualitäten Tee und Kaffee, Obst, Kuchen und belegte Brötchen bereit.

Nachdem mich der Konzernchef beraten hatte, wie ich den Kassettenrecorder bedienen müßte, ging es frisch zur Sache. Ich weiß nicht, ob der 64 Jahre alte Reinhard Mohn schon oft zur Person interviewt worden ist, ich glaube fast: nein. Wie dieser "stille Mann von Gütersloh" aus seinem Leben erzählte, das verriet nur streckenweise Routine. Zwischen den offiziellen Passagen traten immer wieder unverbrauchte Bilder zutage.

So erzählte er – "die Nummer fünf in der Familie" – von einem Stoffelefanten, dem als Kind seine ganze Fürsorge gegolten habe: Beim Mittagessen kriegte er auch immer was ab. Oder von einem Autorennen durch Braunlage, das auf ihn damals, vor sechzig Jahren, wie alles Technische, großen Eindruck gemacht haben muß. So auch der Generator in der Fabrik, dessen Tätigkeit "mit vielen Lichteffekten verbunden war".

Überhaupt die Fabrik. Zu damaliger Zeit eher ein Handwerksbetrieb, in dessen Hof die Kinder Ratten jagten. Wenig über den Vater, einen sehr ordentlichen und bemühten Menschen, wie er sagte, der seit 1914/18 schwer an Asthma litt. "Im Leben meines Vaters ist immer die allergrößte Ordnung gewesen...Es war immer alles aufgeräumt." Wenig auch über die Mutter, die neben ihm saß, wenn er mühsam seine Schularbeiten machte und sich über seine schlechten Leistungen aufregte. "Willst du nicht lieber einen praktischen Beruf erlernen?" fragte sie ihn einmal.