Von Ralf Dahrendorf

London

Warum gerade England? Die Frage hallt noch nach, auch wenn die Bilder aus dem Brüsseler Heysel-Stadion sich schon zu vermischen beginnen mit denen der vielen anderen Grausamkeiten, von denen wir umgeben sind. Ist nicht England die Heimat der Zebrastreifen, in denen Autofahrer auch wirklich anhalten; der manchmal bis an die Grenze der Heuchelei getriebenen Höflichkeit, der reservierten Rücksicht auf andere? Und nun brutale, noch dazu massenhafte Gewalt in Stadien und Straßen.

Gewalt ist überall, aber ihre Formen unterscheiden sich. Die Granaten, mit denen der Bürgermeister von Philadelphia Hausbesetzer ausräucherte – und ganz nebenbei ein paar Häuserblöcke von Unbeteiligten in Flammen aufgehen ließ –, reihen sich würdig in eine amerikanische Geschichte, zu der unter anderem die Massaker von Kent State University oder vom Gefängnis in Attika gehören. In den 30er Jahren fand ein Untersuchungsausschuß unter Leitung des Senators Lafollette bei einer einzigen Firma mehr zur Bekämpfung aufsässiger Arbeiter gedachte Waffen und Munition, als die gesamte Stadtpolizei von Chicago sie hatte.

Deutsche Gewalt ist quälender, unentrinnbarer. Daß der organisierte Massenmord möglich war, ist eben nicht nur dem Wahnsinn einer kleinen Clique, auch nicht einfach der Banalität des Bösen zuzuschreiben, sondern ist Teil einer Kultur, in der alles systematisiert und organisiert, nämlich bürokratisch wird. In Deutschland sieht man die Gewalt oft nicht so genau – übrigens auch nicht die auf den Straßen, die zum Beispiel Geschwindigkeitsbegrenzungen so unpopulär macht –, aber das macht sie nicht erträglicher.

Vorsicht, Vorsicht! wird hier mancher mit Recht einwenden. Das sind grobe und auch irreführende Verallgemeinerungen. Nicht nur ist Gewalt überall, sondern auch ihre vielfältigen Formen lassen sich überall antreffen. Zudem gibt es wichtige Unterschiede zwischen der Gewalt von oben und der mehr oder minder spontanen Gewalt der Massen.

Wenn das alles zugestanden ist, bleibt doch die Beobachtung, daß in England Gewalt oft etwas urtümlich Direktes hat. Sie ist schrecklich anzusehen, weil da immer Blut fließt. Ihre Instrumente sind alles, was gerade greifbar ist, Zaunpfosten, zerstückelte Parkbänke, Briefkastendeckel, Pflastersteine. Dieser Tage sah man im Fernsehen Polizisten mit Betonklötzen die Scheiben von Omnibussen zerschlagen, in denen Hippies zu ihrem verbotenen Festival rund um die frühgeschichtlichen Monumente von Stonehenge fahren wollten. Daß es während des langen Bergarbeiterstreiks auf beiden Seiten nicht zimperlich zuging, steht heute außer Zweifel. Gerade sind die beiden Bergarbeiter verurteilt worden, die einen Betonklotz von einer Autobahnbrücke auf ein Taxi stürzten, in dem ein Streikbrecher zur Arbeit fuhr, und dabei den Taxifahrer töteten. Auch diese Geschichten haben etwas zu tun mit der Fußballschlacht von Brüssel.