Kleeberg

Bauer Endl goß gerade Jauche aufs Maisfeld, als sich seine "Erna" niederlegte. Gegen sieben Uhr abends, als Karl Endl heimkam, da war die Geburt schon vorbei. "Erna" hatte mal wieder die ganze Arbeit allein gemacht. Gesund und glänzend lag das neugeborene Kalb im Stroh und "Erna", die Mutterkuh leckte gleichmütig sein Fell.

Der Tierarzt Erhard Krug schüttelte staunend den Kopf, murmelte etwas von einem "einmaligen Phänomen" und informierte die Presse. Wenig später ging das Gruppenbild vom Bauern, seiner Kuh und dem Kalb durch die Zeitungen. Seitdem ist "Erna" aus Kleeberg, Post Aidenbach in Niederbayern, Deutschlands berühmteste Kuh.

Das Phänomenale an "Erna" ist, daß ihr Jüngstes schon ihr 26. Kalb ist. "Normalerweise", sagt Doktor Krug, "kalbt eine Kuh etwa zehnmal. Dann ist sie dreizehn Jahre alt, und dann ist Schluß." Die bislang älteste trächtige Kuh, die dem Vieh-Doktor in seiner 26jährigen Laufbahn begegnete, war siebzehn. Erna aber ist dreißig. Da scheut Krug, ein besonnener Mann, nicht vor dem Superlativ "Wunderkuh" zurück.

Man muß sich das mal vorstellen: Elvis Presley und die Rock-’n’-Roll-Ära, das Beatles-Fieber und die Studentenrevolte, die Ostpolitik und die Wende und der europäische Milchpreisstreit: Der Vergänglichkeit der Zeit stellte "Erna" die unerschütterliche Monotonie ihres Geburtszyklus entgegen. Jedes Jahr ein Kalb, das erste 1959, in der Nierentisch-Ara, das bisher letzte im Mai 1985, zu Beginn der Weltraumwaffenepoche: Eine geradezu mythische Gebärfreudigkeit.

Zu Besuch beim Bauern: Der Hof steht abseits der Straße zwischen Aidenbach und Beutelsbach, in grüner Einsamkeit, erreichbar nur über einen holprigen Traktorpfad. Doktor Krug ist auch mitgekommen – eine vertrauensbildende Maßnahme. Endl mag Fremde nicht besonders.

Der Bauer wartet schon. Er ist 54 Jahre alt, ein dünner, zäher Mann in Gummistiefeln, olivgrüner Arbeitshose, blauer Joppe, den erdfarbenen Hut in der Hand. "Wos is jetzt bloß", fragt er verwundert, "so interessant an a einfachen Kuah?"