Paris, im Juni

Einer wagte, laut zu denken, Jean-Luc Lagardère, Spitzenmanager mit spitzer Zunge, einflußreicher Chef des vom französischen Staat beherrschten Raumfahrt- und Rüstungskonzerns Matra, sagte es vorige Woche rundheraus: "Eureka und SDI gegeneinander auszuspielen, ist albern. Die Größenordnungen sind nicht dieselben, eine Neuauflage von David gegen Goliath liegt nicht drin. Die zwei Vorhaben müssen komplementär gestaltet werden." Lagardère beteuerte, er sei an der Teilnahme am amerikanischen SDI-Programm "sehr interessiert".

Widersprach der Präsident von Matra dem Präsidenten der Republik? François Mitterrand hatte zum Abschluß des Bonner Weltwirtschaftsgipfels sein Nein zu SDI "in seiner jetzigen Form" bekräftigt. Doch schon damals war es zwar eine feierliche, aber keine glasklare Absage gewesen, zumal Mitterrand die Möglichkeit erwog, zwischen Eureka und SDI "kleine Brücken" (passerelles) zu schlagen.

Es scheint, daß sich die Brücken nach und nach verbreitern könnten. Dem Drängen staatlicher und privater Konzerne, denen Reagans Dollar-Regen ein Segen wäre, mag sich Präsident Mitterrand schwerlich, widersetzen. Lägen derzeit Anmeldekarten für SDI und Eureka auf, fänden die ersten reißenden Absatz, würden die zweiten eher zögerlich ausgefüllt. Es vergeht in Frankreich keine Woche, ohne daß ein prominenter Industrieller sein Wohlgefallen an SDI kundtäte. Vergleichsweise hält sich die da und dort durchaus vorhandene Eureka-Begeisterung in Grenzen, jedenfalls solange unter diesem Rubrum noch kein Vorhaben Konturen gewonnen hat.

Welche konkreten Einzelprojekte möchte Paris im Rahmen von Eureka am liebsten durchziehen? Die Franzosen lassen sich ungern in die Karten schauen: "Es ist noch zu früh; wir sind alle noch daran, das Inventar der sich bietenden Möglichkeiten aufzunehmen." Gegenwärtig lautet die Verhaltensmaßregel französischer Diplomaten, Zurückhaltung zu üben. Es soll keinesfalls der Eindruck entstehen, unter dem Markenzeichen Eureka würden wieder einmal französische Projekte mit deutschem Geld verwirklicht. Hohe Beamte und aufgeklärte Berater großer Firmen wissen, daß solcherlei Ansinnen zum Scheitern verurteilt wären. Pariser Experten loben im Gegenteil die "hervorragende Arbeit" des Bonner Bundesministeriums für Forschung und Technologie: "In bezug auf Eureka verdanken wir ihm manche wertvolle Idee."

Die aus französischer Sicht immer selbstbewußter auftretenden Deutschen sollen die Gewißheit erhalten, daß ihre Vorschläge – etwa im Bereich der Telekommunikation – aufgenommen und auch ernstgenommen werden. Für die meisten französischen Industriellen ist freilich nach wie vor ein Projekt nur dann sinnvoll, wenn sie dessen Leitung innehaben. Schon argwöhnen jene Manager, die sich stark und wettbewerbsfähig fühlen, daß "unser know how aus politischen Gründen auf dem Altar der europäischen Zusammenarbeit geopfert werden soll".

In seinem "Eureka"-Brief an Hans-Dietrich Genscher hatte Frankreichs Außenminister Roland Dumas sechs Gebiete genannt, auf denen "die Entwicklungs- und Forschungsaktivitäten der interessierten Länder zu organisieren" seien. Dazu zählte er die Optoelektronik, neue Werkstoffe, Großcomputer, Laser, künstliche Intelligenz und Hochgeschwindigkeits-Mikroelektronik. Als nun Kritiker vermerkten, wie auffällig entspreche dies genau den SDI-Forschungsfeldern, vervollständigten die Franzosen ihre Liste und schlugen zusätzliche Bereiche vor: Roboter der 3. Generation, elektronisches Engineering, Einsatz in unwirtlicher Umgebung (wie Hitze, Kälte, Vakuum oder Radioaktivität), schließlich die Anwendung der Biotechnologien im Nahrungsmittelsektor. Präsident Mitterrand geht es aber weiterhin vorrangig um SDI-relevante Forschung: um den Weltraum. Paris strebt zunächst "konkrete Vereinbarungen über zwei oder drei genau umrissene Vorhaben" an.