Für taubblinde Menschen ist die Hand die einzige Brücke zur Außenwelt

Von Keyvan Dahesch

Fremden Beobachtern erscheint die Szene ungewöhnlich: Obwohl längst die Dunkelheit angebrochen ist, brennt in dem Zimmer kein Licht. Zwei Männer sitzen nebeneinander, haltengegenseitig ihre Hände und ziehen abwechselnd einander Striche in die Hand oder tupfen Punkte auf die Fingerkuppen. Helmut Bogda und Günter Staack, die sich mit Hilfe des Tastalphabets "unterhalten", sind taub und blind. Als Kinder haben sie gehört und gesehen.

Bogda ist mit 18 Jahren taub und mit 38 blind geworden, gerade sechs Monate nachdem er aus Pommern in die DDR ausgewiesen und sein Antrag auf Umzug in die Bundesrepublik von den DDR-Behörden abgelehnt worden war. Im Taubblindenheim in Potsdam-Babelsberg umgeschult, arbeitete er 28 Jahre in eigener Werkstatt als Stuhl- und Korbflechter, ehe er im Februar 1984 mit seiner Frau nach Hannover übersiedelte. Über acht Jahre betreute Bogda im Bezirk Dresden ehrenamtlich die Taubblinden.

Auch Günter Staack hat erst das Gehör und später die Sehkraft verloren. Vor seiner Erblindung war er im Schiffsmaschinenbau tätig. Von 1953 an kümmerte er sich fast 30 Jahre ehrenamtlich um die Taubblinden in der Bundesrepublik, wofür ihm das Bundesverdienstkreuz verliehen wurde. Vor seiner Pensionierung arbeitete Günter Staack über acht Jahre als Berater im Deutschen Taubblindenzentrum in Hannover, einer weltweit beispielhaften Einrichtung, in der Menschen, die wenig oder gar nicht sehen und hören können, vielfältige Hilfen erhalten.

Es ist nicht bekannt, wieviel Menschen ohne oder mit nur geringem Hör- und Sehvermögen in der Welt leben. Für die Bundesrepublik wird ihre Zahl auf 1000 bis 1500 geschätzt. Obwohl Taubblinde zu den am schwersten Behinderten gehören, waren es – wie so oft in aussichtslos erscheinenden Situationen – die Behinderten selbst, die mit ihren Leistungen auf sich aufmerksam machten und Mittel zur Linderung ihres Schicksals ersannen.

Der durch einen Unfall erblindete Franzose Louis Braille erfand 16jährig\ 1825 die Blindenschrift aus sechs Punkten und öffnete damit den Nichtsehenden das Tor zur Bildung. Das wichtigste Kommunikationsmittel für Taubblinde, das Tastalphabet, erfand der 1821 in Mähren geborene Schriftsteller Heinrich Landesmann, als er nach dem Verlust des Gehörs im 16. Lebensjahr mit 60 auch noch das Augenlicht verloren hatte. Landesmann wurde unter dem Pseudonym Hieronymus Lorm als Schriftsteller bekannt; sein Kommunikationssystem, das aus einer Kombination in die Hand getasteter Striche und Punkte besteht, wird daher allgemein als "Lormen" bezeichnet.