Nach Craxis Sieg kündigten die Unternehmer das Abkommen über den Inflationsausgleich

Die Abstimmungslokale waren gerade geschlossen worden, da kam die große Überraschung. Der italienische Arbeitgeberverband kündigte kurzerhand die automatische Anpassung der Löhne und Gehälter an die Inflation, in Italien unter der volkstümlichen Bezeichnung "Lohnrolltreppe – Scala mobile" bekannt. Genau darüber hatten Italiens Wähler abgestimmt. Die Kommunistische Partei Italiens (KPI) hatte das Referendum durchgesetzt um die Regierung unter Ministerpräsident Bettino Craxi über eine wirtschaftspolitische Frage stolpern zu lassen.

Bei der Volksabstimmung ging es darum, ob die Lohnrolltreppe in dem vor einem Jahr festgelegten langsameren Gang weiterlaufen oder die alte, größere Einheitsgeschwindigkeit wieder aufnehmen sollte. Die Kommunisten forderten die Wiederherstellung der alten Scala mobile von 1975 – und eine Nachzahlung für die im letzten Jahr entgangenen Steigerungen. Zwar war der wirtschaftliche Effekt bedeutsam – im Geldbeutel des durchschnittlichen italienischen Arbeitnehmers wären bei Anwendung der alten Lohntreppe 43 Mark monatlich mehr gewesen und die Inflation wäre im vergangenen Jahr wohl um einen Punkt höher gewesen – doch ging es den Kommunisten nicht um ein paar Lire mehr oder weniger, sondern um ein Prinzip. In der Lohnfrage, so beharrten die Kommunisten, lassen wir nicht mit uns reden; die Lohntreppe darf überhaupt nicht angerührt werden.

Um diese Auseinandersetzung zu verstehen, die in den letzten Monaten zu einem innenpolitischen Gerangel ausartete, muß man den Mechanismus der italienischen Entlohnung kennen. Ebenso wie in der Bundesrepublik werden in Italien in festgelegten Abständen die Branchen- und Betriebstarife gekündigt und durch Verhandlungen von Arbeitgebern und Gewerkschaften erneuert. Weil die Inflation in Italien aber nach Kriegsende sehr schnell galoppierte und es keine Währungsreform gab wie in der Bundesrepublik, sahen die Arbeitnehmer durch die Tarifsteigerungen allein die Kaufkraft ihrer Einkommen nicht mehr gesichert. Schon 1946 handelten Arbeitnehmer und Arbeitgeber deshalb eine automatische Anpassung der Löhne und Gehälter an die Inflationssteigerung aus. Diese Anpassung wurde 1951 an einen Index gebunden und gilt inzwischen für alle Arbeitnehmer.

Als in den siebziger Jahren die sozialpolitischen Vertreter der Gleichmacherei ihre Theorien vom gleichen Lohn, unabhängig von der Leistung, stückweise durchsetzten, wurde auch die Lohntreppe neu gestaltet. Bis dahin war der Ausgleich nach der Höhe des Lohnes gestaffelt: Wer mehr verdiente, erhielt entsprechend der Inflation einen Zuschlag, der den Abstand zu den niedrigen Einkommensgruppen aufrecht erhielt. Mit dem Abkommen von 1975, das der kommunistische Gewerkschaftsführer Luciano Lama mit dem Unternehmerpräsidenten Giovanni Agnelli schloß, wurde der Hobel angesetzt. Wer wenig verdiente, der erhielt von da an sogar mehr als den vollen Inflationsausgleich – die Empfänger höherer Gehälter dagegen mußten zusehen, wie ihre Einkommen relativ schrumpften.

Dieser Effekt war politisch wohlberechnet, denn die Kommunisten strebten eine "Einheitsklasse der Arbeitenden" an. Mit dem politischen Wechsel und der schweren wirtschaftlichen Krise Italiens kehrte Anfang der achtziger Jahre der Gedanke zurück, daß der Lohn wenigstens zum Teil auch die Leistung berücksichtigen müsse und deshalb eine Differenzierung notwendig und als Anreiz wirtschaftlich erwünscht sei. Und noch ein anderer Gedanke spielte eine Rolle, nämlich daß die ungewöhnliche Höhe der italienischen Inflation – sie hatte inzwischen 25 Prozent erreicht – etwas mit der Lohnautomatik zu tun haben könnte.

Drei Jahre verhandelten Arbeitgeber und Gewerkschaften ohne Ergebnis, bis die Vermittlung der Regierung 1984 einen Kompromiß zustande brachte. Aus dem Index, welcher der Berechnung der automatischen Lohnangleichung zugrunde lag, wurden die weltmarktabhängigen Inflationsbestandteile herausgenommen. Das war nicht eben viel, weil Italiens Inflation vor allem hausgemacht ist. Aber die Kommunisten protestierten selbst gegen diesen vorsichtigen Versuch, Einkommenspolitik in Italien einzuführen. Ihre Gewerkschaft unterschrieb den Vertrag nicht.