Von Hansjakob Stehle

ZEIT: Herr Kardinal, Sie sind der erste polnische Primas der Nachkriegsgeneration. Sie naben den Zweiten Weltkrieg, die Zerstörung Polens und seine Wiederherstellung in neuen Grenzen als Kind erlebt. Sie waren 15 Jahre alt, als 1945 der Krieg zu Ende war. Welche Erinnerungen haben Sie an jene Zeit?

Glemp: Keine angenehmen – wenn ich von ihnen spreche, dann nur, damit die Generation, zu der ich gehöre, von der gleichen Generation in Deutschland besser verstanden werden kann. Ich bin im sogenannten "Warthegau" aufgewachsen, bei Inowroclaw, das Hohensalza hieß. Aus unserem Bauernhof, den mein Onkel bewirtschaftete, während mein Vater in der Salzgrube arbeitete, wurden wir – wie fast alle polnischen Landwirte – 1940 herausgeworfen. Die Höfe übernahmen umgesiedelte Baltendeutsche, bei denen wir arbeiten mußten. Kirche und Schule wurden geschlossen.

Ich habe die Kühe gehütet, und für mich, den zehnjährigen Jungen, war "Deutscher" jemand, der uns anschrie oder schlug. Ich erinnere mich an ein Erlebnis, das mich auch moralisch aufwühlte, weil es in mir Haß erzeugte: Ich hatte die Kühe auf Anweisung des Bauern aufs Feld des Nachbarn getrieben, und der verdrosch mich mit seiner Pferdepeitsche. Ich kämpfte mit mir, um ihm zu vergeben, denn ich spürte, daß mein Haß ein Unrecht war.

ZEIT: Hat aber die Generation Ihrer Eltern dort in dem Gebiet, das man bei uns Westpreußen nannte, dann "polnischen Korridor", nicht auch andere Erfahrungen mit Deutschen gemacht?

Glemp: Mein Vater, der 1902 am Schülerstreik gegen das preußische Verbot des polnischen Schulgebetes teilgenommen hatte, kämpfte als deutscher Soldat in Kaiser Wilhelms Armee vor Verdun – so wie mein Großvater 1870 in der Schlacht von Sedan – und dann, 1919, gehörte er zu den Aufständischen im Posener Land (Großpolen). Bei uns zu Hause kannte man die Deutschen auf verschiedene Weise, aber jene, die 1939 kamen – das waren andere. Als die Russen 1945 immer näher rückten, sind sie alle geflohen. Ich weiß nicht, ob sie sich auch als Vertriebene betrachten...

ZEIT: Wie haben Sie nach dem Krieg, als Schüler, als Student über die Deutschen gedacht?