London, im Juni

Margaret Thatcher mag eingekeilt sein, doch sie gibt es nicht zu. Jahrelang hat sie dem Senken der Inflationsrate alles untergeordnet. Vier, ja weniger Prozent schienen greifbar. Nun sind es fast wieder sieben. Die Arbeitslosigkeit steigt und steigt, die der Jugendlichen liegt fast überall bei 25 Prozent. Der Geldumlauf nimmt zu, die finanziell Starken investieren überall, nur nicht daheim. Lauter Sünden wider den Geist, nach dem die "Eiserne Lady" angetreten ist.

Aber die Regierung hat einen Anlauf unternommen, den Wohlfahrtsstaat abzubauen. Die Kündigung des "Sozialvertrags" ist ein alter Wunschtraum der britischen Mittelschichten, die in einer Atmosphäre milden, das heißt nicht-revolutionären Klassenkampfes groß geworden sind. Seit sie durch die Steuergesetze der sozialistischen Regierungen zu wahrhaft absurden Spitzenabgaben bis 83 Prozent angehalten wurden, wollen sie nicht länger einsehen, warum sie die Brillengläser, Wohnbeihilfen und Geburtenzuschüsse einer Unterschicht finanzieren sollen, die ihrerseits nicht mehr bereit ist, die eigene Arbeitskraft zu bleibendem Komfort derjenigen zur Verfügung zu stellen, die durch solch hohe Abgaben ihren Gemeinschaftssinn demonstrieren.

Nicht, daß jeder schon wüßte, was auf ihn zukommt. Die britischen Zeitungen, die ihren Lesern vorrechnen, was das Paket von Sozialminister Fowler nun eigentlich für alle möglichen Kombinationen von Familien- und Berufssituationen bedeutet, können noch nicht sagen, wie das auf Pfund und Penny aussieht. Zum Trick der Reform gehört es, daß erst einmal versprochen und später bilanziert wird. Beispiel: Eine scheinbar höhere Arbeitslosenunterstützung gilt erst von 1987 an, aber nur für ein halbes Janr.

Die Reformvorschläge, die zweifellos ein innenpolitischer Streitpunkt erster Ordnung werden – die Labour-Partei schäumt vor Wut greifen in weite Bereiche der Sozialpolitik ein. Vorgegebene Gründe: Keiner weiß so recht, was ihm eigentlich derzeit zusteht, und alle anderen verstehen nicht, warum sie dafür zahlen sollen. Übertriebene Wohnungszuschüsse, keine Prüfung der Bedürftigkeit, das Fehlen betrieblicher oder privater Altersvorsorge – das alles hat das bisherige System in Mißkredit gebracht. Ziel der Sparmaßnahmen: der weniger vom Staat als von eigener Vorsorge abhängige jüngere Brite dieser Tage – die älteren läßt man ungeschoren.

Alles in allem kommt mehr als ein Schritt zum Abbau des Vorsorgestaates zusammen. Ein Abschnitt britischer Geschichte wird da widerrufen. Der Wohlfahrtsstaat war einem sozial gespaltenen Volk versprochen worden, als es 1942 einig wie selten die alte Ordnung des Empire verteidigte. Das Versprechen hatten konservative und sozialistische Minister im Konsensus der Kriegskoalition gegeben. Labour löste es nach 1945 ein, kein Tory-Kabinett hat bislang ernsthaft daran gerüttelt. Die Rückkehr zum Zustand von vorher, ob man ihn nun Selbsthilfe oder Staatsabbau oder Manchester-Liberalismus nennt, bringt jedoch keine Wiederkehr der billigen Einfuhren aus dem Weltreich oder der Handelspräferenzen aus dem Commonwealth. Beide Voraussetzungen fehlen heute. Das gilt es beim Widerruf des Wohlfahrtsversprechens zu bedenken. Karl-Heinz Wocker